/ Von Theo Sommer

Das häßliche Buchstabenkürzel hat sich schon so weit eingebürgert, daß Werner Höfer keinen Anlaß mehr zu Rüge oder Erläuterung sieht, wenn es den Experten in der Frühschoppenrunde unübersetzt über die Lippen geht: MBFR. Hinter diesem Konsonantenungetüm steht der englische Ausdruck Mutual Balanced Force Reductions, zu deutsch beiderseitige ausgewogene Truppenverminderungen. Mittlerweile hat es sich herumgesprochen: Die vier Buchstaben bezeichnen das wichtigste Thema, das westlichen wie östlichen Staatsmännern und Militärs im Europa der siebziger Jahre gestellt ist.

In Lissabon hat der NATO-Rat vorige Woche beschlossen, die jüngsten sowjetischen Reaktionen auf frühere westlidie Signale aufzugreifen, die Sondierungen in Sachen MBFR "fortzusetzen und zu intensivieren" und "sobald es praktikabel erscheint, zu Verhandlungen überzugehen". Noch im Sommer – wahrscheinlich im September – sollen die Ministerstellvertreter oder hohe Beamte in Brüssel zusammentreten, "um die Ergebnisse der exploratorischen Kontakte zu prüfen und um Sach- und Verfahrensfragen für gegenseitige und ausgewogene Truppenverminderungen zu beraten". Danach wird ein Beauftragter oder eine Gruppe von Beauftragten mit den Sowjets und anderen interessierten Staaten Fühlung nehmen und die eigentlichen Verhandlungen anbahnen.

Es wird also ernst. Dennoch sollte sich niemand falsche Hoffnungen machen. MBFR ist wahrscheinlich das komplizierteste Thema, das seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges die Fachleute beschäftigt hat, und es wird an Schwierigkeit sogar die amerikanisch-sowjetischen Verhandlungen über eine Begrenzung der strategischen Rüstungen übertreffen. Das kann nicht wundernehmen.

Erstens sitzen am SALT-Tisch nur zwei Parteien einander gegenüber, während über den Truppenabbau in Mitteleuropa eine Vielzahl von direkt beteiligten Mächten reden muß: alle nämlich, die in diesem kritischen Raum Truppen auf fremdem Boden stationiert haben. Im Westen sind dies die Vereinigten Staaten, Großbritannien, Kanada, Belgien, die Niederlande, Frankreich; im Osten die Sowjets. Auch die Neutralen, deren eigene Verteidigungsanstrengungen sich ja nach denen der Nachbarn richten, haben gewiß ein Interesse, an den Verhandlungen teilzunehmen.

Zweitens geht es bei SALT nur um eine begrenzte Zahl von Waffensystemen, bei MBFR jedoch um eine Fülle völlig verschiedener Kategorien und Sachverhalte, die sich schlechter vergleichen lassen als strategische Raketen. Drittens handelt es sich bei einem ausgewogenen Truppenabbau auf Gegenseitigkeit nicht allein um ein militärtechnisches Unterfangen. Hier werden in heikler Verquickung höchst empfindliche politische Grundtatbestände des Status quo berührt, und dies in einem Maße, das bei SALT ganz undenkbar ist.

Diese drei Faktoren erklären und rechtfertigen das Urteil Helmut Schmidts: "Eine ernsthaft geführte MBFR-Verhandlung würde zweifellos eine längere Reihe von Jahren dauern, bevor sie konkrete und annehmbare Ergebnisse bringen könnte." Es ist daher gut, sich auf lange Fristen einzurichten und weder schnelle noch leichte Lösungen zu erwarten.