Bulat Okudschawa, der sowjetische Mini-Biermann, hat einen Roman geschrieben, seinen ersten historischen Roman, der nicht nur etwas Neues für Bulat Okudschawa, sondern auch für die Gattung als solche darstellt –

Bulat Okudschawa: "Der arme Awrosimow", aus dem Russischen von Aggy Jais; Herbig Verlagsbuchhandlung, München/Berlin; 400 S., 22,– DM.

Es gibt hervorragende historische Romane aus der Zeit nach der Revolution, von Juri Tynjanows hochstilisierten Stilübungen über Gribojedow und Puschkin bis zu Olga Forschs sozialhistorischer Trilogie um die Gestalt des nach Sibirien verbannten Begründers der russischen Reisebriefliteratur Alexander Radischtschew. Auch Okudschawa wählt in seinem "Armen Awrosimow" ein Thema, das Literatur und Politik miteinander in Zusammenhang bringt, nämlich den Dekabristenaufstand adliger Offiziere und revolutionär gestimmter Dichter gegen das zaristische System im Jahre 1825. Aber was er daraus macht, hat wenig mit Revolution und Literatur zu tun, wenigstens nicht in dem Sinn literarischer oder politischer Analyse zum Thema Veränderung der Gesellschaft durch das Wort. Was hier verändert wird, ist die Psyche des Helden, und wie sich Awrasimows artiges Seelchen zum romantischen Widerstand mausert, das liest sich mit wachsender Spannung.

Tynjanow stellte in seinem Dekabristenroman "Kjuchla" den russischen Dichter deutscher Abstammung Wilhelm Küchelbecker in den Mittelpunkt der Handlung. Pawel Pestel, dem russischen Offizier deutscher Abstammung und Theoretiker des Aufstandes, scheint bei Okudschawa eine ähnliche Rolle bestimmt, bis sich herausstellt, daß er eigentlich nur dazu da ist, um Awrasimow, den rothaarigen Bären aus der Provinz, den das Schicksal zum Schreiber im Prozeß gegen die Verschwörer macht, aus dem trägen Schlaf der Untertanenmentalität zu reißen.

Awrosimow schreibt schaudernd nieder, was Pestel an Ausflüchten und Herausforderungen äußert, mit dem Ergebnis, daß er schließlich, zumindest in Gedanken, selber ein kleiner Pestel wird. Und ähnlich ergeht es Pestel, für den der kindliche Goliath zum Zeugen für die Richtigkeit seiner sozialpolitischen Theorien wird. Wenn es ihm gelingt, den armen Awrosimow, und das heißt soviel wie das Volk, über die Köpfe seiner hochgestellten Aufpasser hinweg zu seinem Glauben zu bekehren, dann hat er gesiegt, gleichgültig, wie das Urteil über ihn ausfällt. Aber gelingt es ihm? Mitnichten.

Als sich der arme Awrosimow dazu entschließt, Pestel aus dem Gefängnis zu befreien, um es dann von Tag zu Tag aufzuschieben, wird er schließlich selber auf sein väterliches Gut verbannt. Dort heiratet er, setzt Schmer an und wird von der Geschichte ebenso vergessen, wie er die Geschichte vergißt.

Mit historischer Authentizität hat das kaum etwas zu tun, um so mehr mit einer mit historischer Detaillust arbeitenden Parodie auf den traditionalistischen historischen Roman. Gesinnungsfeste Sowjetkritiker nannten das frivol, andere sahen darin einen reizvollen Einfall. Die Lektüre ist wärmstens zu empfehlen, auch wenn sie für den westlichen Leser gewisse Schwierigkeiten mit sich bringt. Was weiß er vom Dekabristenaufstand, diesem russischsten aller russischen Themen, das hier für Kenner aufs geistreichste umgestülpt und verulkt wird, bis es zum traurigen Märchen über menschliche Schwächen und historische Pannen wird? Helen v. Ssachnow