Von Horst-Wolfgang Bremke

Es klingt paradox", erklärt Philipp Herder-Dorneich, Professor für Sozialpolitik und Sozialökonomik an der Universität Bochum und Begründer der neuen Studienrichtung "Wirtschaft und Verbände": "Das Spezialistentum der Verbandsmanager besteht in ihrer Fähigkeit, Generalist zu sein."

In der Tat verlangt die Arbeit eines Verbandsfunktionärs beträchtliches Geschick: Er muß allen Mitgliedern gerecht werden, ihnen den Rat eines Experten ersetzen, Stellungnahmen und Dokumentationen ausarbeiten – ohne dabei selbst in den Vordergrund zu treten; denn das würde die Eitelkeit der führenden Bosse verletzen. Kommentiert der Bochumer Ordinarius Berhard Külp: "Funktionäre müssen alles tun, um Verbandsmitglieder nicht zu verärgern."

Trotz dieses Dilemmas gibt es mehr als genügend Verbandsfunktionäre und ein riesiges Betätigungsfeld; In Tarifverbänden, Kammern, Interessen- und Berufsverbänden fungieren sie als Delegierter, Verhandlungsführer, Geschäftsführer, Institutsleiter oder einfach Ghostwriter ihres – meist ehrenamtlichen – Verbandspräsidenten.

In der Bundesrepublik gibt es allein 800 Verbände auf der Arbeitgeberseite mit 800 Vorsitzenden, 800 stellvertretenden Vorsitzenden, 800 Schriftführern, 800 Kassenwarten und jeweils etlichen Mitarbeitern. Hinzu kommt die Masse der Funktionäre in Gewerkschaften und Berufsverbänden.

Bislang kamen Verbandsfunktionäre mehr zufällig zu ihrem Job. Viel gesellschaftliche Kontaktmöglichkeiten bei vergleichsweise mäßiger, wenn nicht geringer Arbeitsbelastung machten die Tätigkeit für jene interessant, denen mehr die Durchschnittlichkeit lag.

So machte sich ein 65jähriger Verbandsfunktionär in einem anonymen Artikel über die Arbeitsweise seiner Kollegen lustig: "Eine Meldung über Tarifverhandlungen wird zum Beispiel freitags von der BDA (Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände) verschickt, am Montag bekommen sie dann die Landesvereinigungen. Dort wird wiederum abgeschrieben, vervielfältigt und verschickt. Dann kriegen die Verbände am Dienstag, was am Freitag schon im Radio zu hören war. Die Verbände schreiben es am Dienstag noch einmal ab und verschicken es an ihre Mitglieder. Die bekommen es dann am Mittwoch. Und dann dasselbe, vielleicht etwas abgewandelt, über die beteiligten Fachverbände noch einmal."