Von Rolf Diekhof

Die deutschen Autokäufer sind allzu gute Konsumenten: Seit fast zwei Jahren beschert ihre unverdrossene Kauflust der Automobilindustrie einen Boom, an dessen Dauer die Autobosse nie recht glaubten und an dessen Fortsetzung sie heute nicht mehr interessiert sind. Bis an die Grenze der Leistungsfähigkeit beansprucht, wünscht sich die Industrie nichts sehnlicher als ein Ende der Rekorde.

An Rekorden hat es nicht gefehlt. Die Jahre 1969 und 1970 erreichten mit 3,6 und 3,84 Millionen im Inland produzierten Fahrzeugen jeweils mühelos das Prädikat "bestes Jahr der deutschen Autogeschichte". Und auch die ersten vier Monate 1971 brachten wieder einen Rekord: 1,43 Millionen Fahrzeuge wurden hergestellt und mehr als 878 000 im Inland verkauft – soviel wie niemals zuvor in vier Monaten.

Auch an Pessimisten, an Propheten einer bevorstehenden Autokrise hat es nie gefehlt. So wurde fast allgemein eine Absatzflaute im Herbst 1970 erwartet – eine Annahme, die VW und Daimler Benz wohl dazu bewog, bei Preiserhöhungen im Sommer bescheiden zu sein: Die Bosse versicherten unisono, man habe nicht annähernd das genommen, was zum Ausgleich der schrumpfenden Gewinne nötig gewesen wäre.

Und als im Herbst die Kauflust zeitweise tatsächlich zurückging (die Verluste wurden bis zum Jahresende freilich wieder wettgemacht), führten die schwarzen Propheten das Wort. Die Branchenexperten witterten die Flaute, und das Börsenblatt "Der Aktionär" warnte: "Ab 1971: Die große Auto-Krise." Bisher wurde nichts daraus.

An einem Rückschlag, wie beispielsweise im Rezessionsjahr 1967, sind die Autobosse natürlich nicht interessiert. Was sie wollen, ist eine Stabilisierung von Produktion und Nachfrage auf hohem Niveau mit etwas geringeren Zuwachsraten.

Der gepflegte Pessimismus des Spitzengremiums der Autoindustrie VDA (Verband der Automobilindustrie) ist im Grunde eine Beschreibung des ersehnten "Normalzustandes". So äußerte VDA-Präsident Heinrich von Brunn im Januar, er rechne für 1971 mit einer Stagnation der Autoproduktion. Es sei sogar nützlich, wenn eine Normalisierung eintrete. Und VDA-Geschäftsführer Achim Diekmann meinte ebenfalls im Januar, es sei zu teuer geworden, die Produktion mit überstunden zu steigern. Eine Normalisierung der Konjunktur würde der Autoindustrie befriedigende Absatzchancen sichern und im Export eine solidere Basis geben.