Die zum weitaus überwiegenden Teil aus den Standesverbänden der Volks- und Grundschullehrer zusammengesetzte Gewerkschaft Errichtige und Wissenschaft (GEW) möchte eine richtige Vorsitzenden werden. Dem wiedergewählten Vorsitzenden Erich Frister, SPD-Mitglied und Stadtrat in Berlin, ist es in seiner dreijährigen Amtszeit gelungen, die Mehrheit der in ihren Provinzen herrschenden Vorstände der Lehrerverbände unter seine Fahne zu scharen. Das Ziel des ehrgeizigen Stadtrats, der in Zukunft hauptamtlich die GEW führen wird: seinen Verband zu einer Interessenvertretung aller im Bildungswesen Arbeitenden auszubauen, Philologenverband, Assistentenkonferenz und Hochschulverbände gleichermaßen in die GEW zu integrieren.

Der Widerstand in der GEW gegen ein solches Vorhaben war zunächst stark, da die altgedienten Funktionäre – Rektoren, Konrektoren und Schulräte zumeist – ihre Pfründe im Verband gefährdet sahen. Auf dem Bundeskongreß in Kiel allerdings mochte niemand mehr gegen den Alleinherrscher Frister aufmucken. Selbst der Antrag, auch die nichtwissenschaftlichen Mitarbeiter von Hochschulen in die GEW aufzunehmen, erhielt von den nach dreitägiger monotoner Sitzung ohne Höhepunkte ermüdeten Delegierten die Zweidrittelmehrheit.

Frister hat damit im Alleingang gegenüber den biederen Einzelverbänden der GEW sein erstes Ziel erreicht. Ohne Rücksicht auf die zunächst nur an besserer Besoldung und kleiner Karriere interessierten Mitglieder vieler Lehrerverbände begann er nach seiner Wahl 1968 in Nürnberg, der GEW das Image eines an der Spitze der Bildungsreform marschierenden Verbandes aufzuprägen.

Wo auch immer bildungspolitische Forderungen erhoben oder bildungspolitische Entscheidungen gefällt wurden, die Redaktionen von Presse, Funk und Fernsehen erhielten eine Stellungnahme des Vorsitzenden. Zehn Meldungen pro Monat an die Öffentlichkeit stellt der Geschäftsbericht fest. Zeitung, Rundfunk und Fernsehen erschienen ihm allesamt als Propagandamedien" gut zu sein, von der integrierten Gesamtschule bis zur Erwachsenenbildung alles zu fordern, was unter dem Firmenschild "progressiv" in der Öffentlichkeit kursierte.

Gelegentliche Proteste der Landesvorsitzenden, etwa nach Austritt des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes auf Grund eines gescheiterten Protestmarsches von fünftausend Lehrern nach Bonn, wußte Frister abzuwiegeln. Er erreichte auf diese Weise, daß die GEW wachsende Anerkennung fand. Mittlerweile verhandelt er nicht mehr mit drittrangigen Politikern, sondern mit Ministern. Die Kultusminister haben ihn als Gesprächspartner genauso akzeptiert wie die Bund-Länder-Bildungskommission. Die Bundesassistentenkonferenz empfahl ihren Mitgliedern, in die GEW einzutreten.

Noch gelingt es Frister, mangels einer personalen Alternative, die durch den Eintritt neuer Gruppen, vor allem von Junglehrern und Assistenten, entstehenden Probleme auszublenden. Sicher ist aber, daß der in Kiel gefaßte Beschluß, in die gewerkschaftliche Praxis mit der möglichen Konsequenz des Streiks überzuwechseln, das Bild der GEW grundsätzlich ändern wird.

Dieses Bild kann Frister nicht länger allein von oben prägen. Vieles wird davon abhängen, ob es dem Verband gelingt, aus dem von Frister inszenierten bildungspolitischen Wirbel einen Weg zu einer realistischen Verbandspolitik zu finden. Der Satz aus dem Geschäftsbericht des Vorsitzenden etwa, "Bildungsökonomie, Bildungsplanung und eine in Ansätzen vorhandene zukunftsweisende Bildungspolitik gäbe es in der Bundesrepublik nicht ohne die GEW", ist schlichte Propaganda und erweckt falsche Erwartungen.