Von Haug von Kuenheim

Addis Abeba im Juni

Es ging zwanglos zu. Die Kapelle der Leibgarde spielte Märsche und Schlager, Diener in roten Pumphosen und grünen Fräcken servierten Käsehappen und Champagner. Zwei amerikanische Journalistinnen boten einem leicht konsternierten Diplomaten aus Peking an, mit ihm Pingpong zu spielen, während der Korrespondent von II Tempo, Signor Artieri aus Rom, sich in Erinnerungen an die Besatzungszeit verlor. Indes ergriff Miß Porter aus Sydney, die für ein australisches Reisejournal schreibt, die Hand des Kaisers und flüsterte ihm zu: "Nice to meet you."

Seine Majestät Haile Selassie I. hatte zum 30. Jahrestag seiner triumphalen Rückkehr in die Hauptstadt nach dem Sieg über die Italiener eingeladen. Der Kaiser, das Champagnerglas neben sich auf einem kleinen Tischchen, stand unter einem roten Baldachin. Die Protokollbeamten waren großzügig: Wer wollte, durfte ein paar Minuten mit ihm plaudern.

Mit dem Kronprinzen plauderte keiner. Er stand die ganze Zeit wie verloren im Hintergrund und nippte ab und zu an seinem Glas. Der fünfzigjährige Kronprinz Merid Azmatch Asfa Wossen ist fast überall dabei, wo sein Vater auftritt – doch eben nur im Hintergrund. Wird er einmal den Thron des Löwen von Juda besteigen? Immerhin ist der Löwe von Juda 78 Jahre alt.

Es gibt viele Antworten auf diese Frage. Eine, die einem Studenten, junge Beamte und Lehrer geben, lautet: "Der Kronprinz ist zu schwach. Die Armee wird die Macht übernehmen." Sie erhoffen, daß das jüngere Offizierskorps dann die notwendigen Reformen in die Hand nimmt und sie mit mehr Verve durchführt, als es heute geschieht. Eine andere Antwort lautet: "Alles wird bleiben wie bisher, und der Kronprinz wird Kaiser." Eine dritte schließlich: "Es wird zu Unruhen kommen."

Der Kronprinz ist ein freundlicher, aber auch ein sehr weicher Herr. Bei dem Putsch der Leibgarde gegen Haile Selassie 1960 spielte er eine undurchsichtige Rolle. Es fehlt ihm die Autorität des Kaisers. Aber er weiß sehr genau die Aufgaben der äthiopischen Monarchie zu definieren. Sie unterscheidet sich völlig, so erklärt er, von allen übrigen Monarchien der Welt. In Äthiopien stehe die Monarchie über allem. Der Kaiser habe das letzte Wort in allen politischen Entscheidungen. Ihm allein ist der Ministerpräsident verantwortlich, und auch gegen den Willen des Parlaments könne der Monarch Gesetze durchsetzen.