Von Helmut Schneider

Die Plakattafeln entlang der Züricher Bahnhofstraße, buntfarbige Affichenbäumchen, die mit dem pompösen Grün der altgedienten Avenue-Trabanten lustig kontrastieren, machen die werten Besucher der Limmat-Metropole darauf aufmerksam, daß in dieser Stadt "Juni-Festwochen" stattfinden. Viele Touristen, die Sightseeings oder Shoppings halber herbeigereist sind, werden dies kommentarlos, wenn überhaupt, zur Kenntnis nehmen: Das Festival, obschon Bestandteil der Züricher Imagepflege, wird vorwiegend vom einheimischen Publikum konsumiert.

Die ortsansässigen Kunstinstitute offerieren ihren Stammkunden zum Ende der Saison eine Auslese internationaler Importe. Man bedankt sich für das freundliche Ausharren bei Hausmannskost mit einem exquisit bereiteten Festmenü. Dabei darf natürlich keine von den Attraktionen fehlen, die die überall durchreisende Kulturkarawane anbietet: Karajan wurde bereits bejubelt, Strehlers "Nel fondo" was here; Karl Böhm führte vor, daß man am Pult des Tonhalle-Orchesters auch mit schlecht geprobtem Mozart und Bruckner brillieren kann, Emil Gilels’ Züricher Debüt wurde zum erwarteten "Ereignis". Das Piccolo Teatro, das Nikolais Danse Theatre aus New York, Ariane Mnouchkines "1789", Krejča-Inszenierungen aus Prag (falls das "Theater vor dem Tor" tatsächlich die Ausreisegenehmigung erhält) – all dies und noch viel mehr steht auf dem Programm der nächsten Wochen.

Eigene Beiträge zum Veranstaltungsreigen sind gelegentlich wenig glanzvoll. So leistete sich das Opernhaus zum Jubelwochenauftakt einen argen Mißgriff mit Giselher Klebes "Figaro läßt sich scheiden", diesem Attentat auf Ödön von Horvdths Emigrationselegie, vor etlichen Jahren im Auftrage Rolf Liebermanns in Hamburg verübt.

"Figaro, du bist bürgerlich geworden", tadelt Horváths Graf seinen Kammerdiener, worauf der zur Antwort gibt: "Das Wort hat seinen Schrecken für mich verloren." In Zürich, der Stadt der Banken und der Bürgerinitiativen, hat dieses Wort noch niemals Schrecken verbreitet. Um so heftiger schreckten deshalb die liberalkonservativen Honoratioren auf, als es ihnen mit eindeutig pejorativen Untertönen vor die Nase gehalten wurde, und das in Zusammenhang mit der zukünftigen Entwicklung eines der gehätschelten Statussymbole des Bildungsbürgers, nämlich des Schauspielhauses. Schlimme Ahnungen, daß böse Buben das Haus am Pfauen in ein Instrument des theatralischen Klassenkampfes umfunktionieren wollten, stellten sich ein, als in Form eines Referendums Widerspruch gegen die Schauspielhausvorlage laut wurde. Darüber zu entscheiden war das Volk von Zürich am vergangenen Sonntag aufgerufen. Es ging dabei um die Tilgung der Schulden aus der verunglückten Kurz-Ära Löffler (weil er "linkes" Theater machte, waren die Zuschauer ausgeblieben), um die Erhöhung der Subventionen (von bisher 3,2 Millionen Franken auf 4,6 Millionen Franken) und um die (de-facto-)Übernahme dieses Quasi-Privattheaters in städtische Hand.

Die Neinsager bemühten sich um die Ablehnung der Vorlage, weil sie die Beteiligten zu einer kreativen Denkpause zwingen wollen; ein Votum "pro" Schauspielhaus erscheint ihnen als Blankoscheck für das Weiterwursteln im alten Stil. Sie wollen eine Änderung der Struktur: An Stelle des bestehenden, in der Mehrheit von Theater-Aktionären gebildeten Verwaltungsrats, der Peter Löffler zuerst berufen und dann nach wenigen Monaten wieder gefeuert hatte (ein Vorgang, der die Führungsqualität dieses Gremiums ins rechte Licht gerückt hat), schwebt ihnen ein drittelparitätisch besetzter Verwaltungsrat vor. Er soll aus Theaterfachleuten bestehen, die von der Stadt benannt werden, aus Vertretern des Schauspielhaus-Personals und aus Delegierten des Publikums. Dieser neukonstituierte Rat der Weisen hätte den jeweils richtigen Mann für die Leitung des Theaters zu finden und ihm Rückendeckung für seine Spielplanpolitik zu geben.