Von Werner Klose

Beim Internationalen Seminar für Deutschlehrer, einberufen vom Goethe-Institut, hätte es im März 1970 beinahe einen Unfall gegeben. Eben hatte eine Gruppe von Germanisten den Neubau des Instituts für Literaturwissenschaft in München betreten, als im Treppenhaus hoch oben jemand aufschrie. Laut knallte eine dicke Ledermappe den erschrockenen Pädagogen vor die Füße. Beim Aufprall sprang die Mappe auf, und ihr Inhalt flog heraus. Auf den Fliesen in der Eingangshalle lagen verstreut neben Kollegheften ein rotes Bändchen der edition suhrkamp ("Hölderlin und die Französische Revolution") – sowie mehrere Comics, knallbunte Groschenhefte, wie man sie überall kaufen kann.

Inzwischen kam der Student, der sich oben mit einem Kommilitonen jungenhaft gebalgt hatte, die Treppen herabgesprungen und sammelte gelassen den Inhalt der Mappe wieder ein: zwischen Kollegheften und Donald Duck verschwand auch Hölderlin, der Revolutionär.

Die verblüfften Deutschlehrer ließen ihr kleines Erlebnis nicht ohne Kommentar. Der zufällige Inhalt dieser Studentenmappe wurde kennzeichnend für die Situation ihres Faches. Die Studie des Pariser Germanisten Pierre Bertaux über "Hölderlin und die Französische Revolution" ist nämlich keineswegs ein aktueller Hinweis auf die heutzutage rötliche Ideologieanfälligkeit mancher Germanisten, sondern Bertaux und mit ihm viele andere Literaturwissenschaftler kehren nur aus der einseitig ästhetischen Interpretation von Dichtungen zurück in die soziale Wirklichkeit der Literatur. Hölderlin, lange einseitig gefeiert als ein Poet der reinen Innerlichkeit, schrieb keineswegs im ästhetischen Weihetempel der Poesie, sondern sein Denken und Dichten begann, als er mit Hegel und Schelling eine Studentenbude im Tübinger Stift bewohnte und die Französische Revolution als Tat und Botschaft humaner Bürgerfreiheit feierte.

Genau hier setzt mit der Literaturwissenschaft auch der Deutschunterricht neu an und fragt nach der sozialen Wirklichkeit, aus der die Autoren und ihre Werke kommen. Die Rückkehr des Deutschunterrichts in die Realität der jeweiligen Epoche hat aber nicht nur Folgen für das Lesen historischer Texte.

Wenn jener Student in München unbekümmert neben eine anspruchsvolle Hölderlin-Studie auch simple Comics als Freizeitlektüre packte, gab er offen zu, was man bislang peinlich ignorierte: unterhaltsame Trivialliteratur ist kein Lesevergnügen der "kleinen Leute", von deren Niveau man den "höheren" Schüler zu den Klassikern hinauftrimmen wollte. Comics und Krimis werden vielmehr überall gelesen, und was millionenfach an illustrierten Heften, an Schlagerplatten, an akustischen Magazinen im Hörfunk oder an gefilmter Show im Fernsehen produziert und dann von einem Massenpublikum konsumiert wird, gehört längst zur Freizeit aller sozialen Gruppen.

Ein traditionell an den ästhetischen Leitbildern der "hohen" Literatur orientierter Deutschunterricht hat lange Zeit ratlos diese Entwicklung hingenommen. Die Deutschlehrer taten zunächst so, als ob es die Massenmedien nicht gäbe. Die elitäre Fachsprache der Gelehrten distanzierte sich vom verächtlichen Markt der Feuilletonisten. Ein Professor, der "journalistisch" schrieb und deshalb hohe Auflagen erzielte, war abqualifiziert, galt doch das Verständliche und Interessante als "unwissenschaftlich".