Um 15 Uhr fuhr am Dienstag letzter Woche ein Sonderzug aus Essen in Richtung Köln ab. Kollegen der Industriegewerkschaft Chemie, Papier, Keramik des Bezirks Essen/Duisburg folgten dem Aufruf ihrer Gewerkschaft zu einer Großkundgebung in der Kölner Sporthalle. Seit einigen Tagen lagen die ersten Betriebe der Chemischen Industrie im Tarifbezirk Nordrhein still. Die IG Chemie hatte in einem Flugblatt einen "aktiven tariflosen Zustand" proklamiert und für Bummelstreiks, Teilstreiks und Warnstreiks ihre "aktive Unterstützung" zugesagt.

Die Reaktion der Chemie-Industriellen blieb nicht aus: Der Landes- – ausschuß der Arbeitgeberverbände der chemischen Industrie Nordrhein-Westfalen erhob beim Arbeitsgericht Düsseldorf Feststellungsklage. Diese völlig neue Form des Arbeitskampfes sei, so die rheinischen Arbeitgeber, rechtswidrig.

Doch die Gewerkschaft wehrt sich gegen den Vorwurf der Ungesetzlichkeit: Nach dem Scheitern der letzten Schlichtung – am 2. Juni war die Bundesschlichtung ohne Ergebnis geblieben – sei auch die Friedenspflicht der Gewerkschaft erloschen. Und nach der Satzung der IG Chemie seien Kampfmaßnahmen auch ohne Urabstimmung möglich. "Im übrigen," so Manfred Menzel vom Hauptvorstand der IG Chemie in Hannover, "haben die Arbeitgeber seit Ende des vorigen Jahres systematisch Arbeitskampfvorbereitungen getroffen."

Unterdes hat die chemische Industrie von sich aus ab 1. Juni die Löhne erhöht: um 6,5 Prozent, obwohl die Arbeitgebervertreter in den Tarif- und Schlichtungsverhandlungen auf ihrem ursprünglichen Angebot von fünf Prozent beharrt hatten. Und diese 6,5 Prozent, so ließen die Chemie-Unternehmer durchblicken, seien nicht ihr letztes Wort. Der Einigungsversuch im verhärteten Tarifstreit, den Nordrhein-Westfalens Arbeitsminister Werner Figgen Anfang der Woche unternahm, stand unter dem Zeichen beidseitiger Bereitwilligkeit,

Die diesjährige Tarifrunde in der chemischen Industrie hatte im Bezirk Nordrhein ihren vorläufigen Höhepunkt gefunden. Vor dem Hintergrund der Appelle der Bundesregierung an die Tarifpartner, bei den Lohnverhandlungen einen Beitrag zum Stabilitätsprogramm der Regierung zu leisten, prallten die unterschiedlichen Vorstellungen der Sozialkontrahenten hart aufeinander. Den Lohnforderungen der Chemie-Gewerkschaft zwischen 12 und 14 Prozent stand das eher bescheidene Angebot der Arbeitgeber von fünf Prozent gegenüber.

Bei den Schlichtungsversuchen Anfang dieser Woche in Hessen und Nordrhein blickten vor allem die Arbeitgeber nach Rheinland-Pfalz. Schon Ende Mai ging dort die Tarifrunde in der Chemie zu Ende – mit einem für alle Seiten überraschenden Ergebnis. In der Bundesschlichtung wurde der Schiedsspruch angenommen, der den 90 000 rhein-pfälzischen Arbeitnehmern ab 1. Juni 7,8 Prozent mehr Lohn bescherte.

"Ein von der Zeit gebotener Kompromiß", kommentierte der Vorsitzende der IG Chemie im Bezirk Rhein-Pfalz, Hans Schweitzer. Doch der Hannoveraner Vorstand der Gewerkschaft ergänzte, dem Schlichtungsspruch komme nur bedingt eine Signalwirkung für die anderen Tarifbereiche der chemischen Industrie zu. Die Arbeitgeber, die errechnet hatten, daß die 7,8 Prozent auf das Jahr umgerechnet nur 6.3 Prozent pro Monat bedeuteten, stöhnten dennoch: "Sehr teuer, aber vielleicht realistisch".

Doch die Chemierunde geht weiter. Im Bezirk Niedersachsen tritt die Bundesschlichtungsstelle erst im Juli zusammen. Weitere Verhandlungen laufen noch in Schleswig-Holstein, Baden-Württemberg, Bayern und Berlin (vgl. auch Interview auf dieser Seite). gf