Von Claus Grossner

Die linke Studentenbewegung der ausgehenden sechziger Jahre könnte sich Anfang der siebziger Jahre in einer linken Forscherbewegung wiederholen: Immer mehr Wissenschaftler und Ingenieure melden jetzt an Forschungsinstituten ihre Mitbestimmungsansprüche an.

Die Schlüsselstellung bei der Entstehung einer solchen linken Forscherbewegung in der Bundesrepublik kommt der Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung, der Wissenschaften e. V. zu. Einmal, weil ihre 52 Institute mit über 8000 Planstellen ein Gangliennetz deutscher. Forschungsorganisation bilden; zum anderen, weil im letzten Jahr die Forderungen jüngerer Wissenschaftler nacheiner Veränderung der hierarchisch organisierten Macht- und Entscheidungsverhältnisse lauter geworden sind; sie wollen Mitbestimmung, nicht nur Mitberatung.

In einem Zeitalter, da die Wissenschaft die Gesellschaft von morgen vorformt, produziert Wissenschaft Forschungsmacht. Im Grundgesetz heißt es: "Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei." Dieser Theorie von der Forschungsfreiheit entsprechen auch die institutionellen Kontrollorgane für die Forschung. Da Forschung dem Bereich "Gesellschaft" zugeordnet worden ist, für den derStaat in der liberalen Staatstheorie nicht verantwortlich ist, fiel die Kontrolle der Forschung systematisch aus den politischen Institutionen Legislative, Exekutive und Jurisdiktion heraus. Erst mit dem Milliarden-Subventionsbedarf der Großforschung sind dieser Konzeption von der freien, unabhängigen, nicht zu kontrollierenden Forschung erste politische Kontrollinstanzen aufgepfropft worden: der Bundesrechnungshof kontrolliert; in den Aufsichtsräten sitzen Ministerialbeamte.

Doch die derart mit Macht ausgestattete Forschung läßt sich nicht nach hergebrachtem Muster, kontrollieren. Forschung, die sich gerade in Grenzbereichen wie der Elementarteilchenforschung nicht leicht bestimmten Zwecken unterordnen läßt, eignet sich nicht zur bürokratischen Kontrolle. Wie aber läßt sie sich kontrollieren? Wie ist Kontrolle möglich, wenn die Spezialisierung der Einzelwissenschaften es schon für den Nachbarwissenschaftler immer schwieriger macht, die Fragen seines Kollegen am gleichen Forschungszentrum auch nur zu verstehen?

Hier setzt die Forderung der jüngeren Wissenschaftler nach "Mitbestimmung in der Forschung" an: Nur eine gemeinsame Diskussion aller beteiligten Wissenschaftler, die sachverständig die Forschungsbedingungen und Forschungsergebnisse beurteilen, schaffe die Kompetenz, eine wirksame Kontrolle der Forschung einzuführen; ein einzelner – sei es auch ein Nobelpreisträger als Direktor eines Forschungsinstituts – vermöge dies nicht mehr. Daher die Parole: Mitbestimmung aller Forscher, Mitentscheidung über Forschungsziele und Finanzen, nicht nur gnädig gewährte Mitberatung.

Die Max-Planck-Gesellschaft besitzt eine Schlüsselstellung für die bundesdeutsche Forschung. Die Nachfolgerin der 1911 gegründeten Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft mit ihren drei Abteilungen "Biologisch-Medizinische Sektion", "Chemisch-Physikalisch-Technische Sektion" und "Geisteswissenschaftliche Sektion" "dient insbesondere der naturwissenschaftlichen Grundlagenforschung". Da in der Grundlagenforschung Weichen gestellt werden für die Entwicklung ganzer Forschungszweige, auch der angewandten Forschung, nimmt ihre Bedeutung für eine forschungsintensive Gesellschaft zu. Vor allem die Industrie, die kostspielige und langwierige Vorarbeiten für kommerziell verwertbare Forschung nicht selbst bezahlen kann oder will, hat ein Interesse am Ausbau staatlich subventionierter sogenannter "reiner Forschung".