Von Wanda Bronska-Pampuch

Manche hielten ihn für einen Besessenen, flüsternd verglichen sie seinen Einfluß auf Stalin mit dem des Wundermönchs Rasputin auf die letzte Zarenfamilie. Hatte sein Blick nicht etwas Magisches? Wie anders als durch hypnotische Eigenschaften ließ es sich erklären, daß Trofim Lyssenko drei Jahrzehnte lang primitive und unbegründete Thesen zu unerschütterlichen Glaubenssätzen erheben konnte? Daß er wirkliche Forschung auf dem Gebiet der Biologie verhinderte und die Wissenschaft zwang, vor ihm zu kapitulieren?

Shores Medwedjew (eigentlich „Jawrés“ Medwedjew, die deutsche Übersetzung hat, der amerikanischen folgend, die russische Schreibweise willkürlich wiedergegeben) hat den Hofbiologen Stalins entmythologisiert –

Shores A. Medwedjew: „Der Fall Lyssenko“ – Eine Wissenschaft kapituliert, aus dem Amerikanischen von Peter A. Weidner; Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg; 303 S., Abb., 20,– DM.

Lyssenko war kein „Dämon“, er hat sich nur in geschickter und gewissenloser Weise die Gegebenheiten einer Diktatur zunutze gemacht, um seinen Ehrgeiz zu befriedigen.

Der Aufstieg des zunächst zum Agronomen und dann zu einem mittelmäßigen Biologen aufgestiegenen Bauernsohnes fiel in die Zeit der hochfliegenden Umgestaltungspläne Stalins. Was Wunder, daß ein Mann, der daran festhielt, der Veränderung der Natur durch den Menschen seien keine Schranken gesetzt, gehört wurde? Lyssenkos Lehren hatten viel Faszinierendes: Ihre Grundlage war die von dem Lehrer und geistigen Vater Lyssenkos, Iwan Mitschurin, gestützte Behauptung, daß durch Umwelteinflüsse hervorgerufene biologische Erscheinungen vererbbar seien. Da sich nach Lyssenkos Auffassung erworbene Eigenschaften weitervererben, mußte es leicht sein, in kürzester Zeit ungeahnte landwirtschaftliche Erfolge zu erzielen. Bald würde der Segen des Südens in die Schneewüsten des hohen Nordens einziehen, verkündete der Prophet Lyssenko, Korn und sogar Südfrüchte würden in den entlegensten und klimatisch unzuträglichsten Winkeln des Landes reifen. Bis der – Lyssenko-Kult um die Jahre 1948/1952 seinen Höhepunkt erreichte, mußte der falsche Prophet allerdings weniger attraktive Versprechungen machen: Es ging schlicht um die Erhöhung oder gar Beibehaltung der Ernteerträge zu einer Zeit, da sie katastrophal absanken.

Wie Medwedjew berichtet, erschien der erste Leitartikel über den Wunderbiologen im August 1927 in der Prawda. Das Porträt, das dort von Lyssenko gezeichnet wurde, war wenig schmeichelhaft: „Wenn man seinen ersten Eindruck beschreiben soll, so muß man bei Lyssenko sagen, daß er das Gefühl von Zahnschmerzen hinterläßt. Er hat einen deprimierenden Gesichtsausdruck, ist wortkarg, und sein Gesicht ist unbedeutend; man erinnert sich nur an seinen mürrischen Blick, der auf dem Boden entlangkriecht, als ob er ein Grab für den Gast suche Nur einmal habe dieser „barfüßige Wissenschaftler im Gespräch mit dem Prawda-Korrespondenten ein Lächeln über sein Gesicht huschen lassen, als nämlich über Kirschknödel mit Zucker und saurer Sahne gesprochen wurde.

Damals besaß Lyssenko bereits Schüler und ein Feld zum Experimentieren; führende Agronomen des Landes interessierten sich für seine Untersuchungen. Im Winter darauf, als eine Mißernte die Ukraine erschütterte, gelang es ihm, sich durch eine „Entdeckung“ in den Vordergrund zu spielen. Für ein Verfahren, bei dem man Ernten von Wintergetreide auch bei einer Aussaat im Frühjahr erhält, erfand er den Ausdruck „Jarowisation“ und bezeichnete sie als eine große Errungenschaft der sowjetischen Wissenschaft. Aber die Wissenschaftler, die 1929 auf dem Leningrader Unionskongreß für Genetik, Selektion, Pflanzen- und Tierzucht seinem Vortrag lauschten, schenkten ihm kaum Beachtung. Er brachte wenig Neues. Lyssenko kam erbittert von der Tagung zurück. Von da an sah er die Sowjetbiologen, die sich an die von Mendel und Morgan begründete klassische Vererbungslehre hielten, als seine persönlichen Feinde an. Vor 1935 hielten sich die Sowjetbiologen an die Chromosomentheorie und an die Theorie der Mutation – wie alle Welt. Dann verkündeten Lyssenko und sein Intimus Present eine neue Theorie der Vererbung und erklärten die bisherige für „reaktionär, idealistisch und metaphysisch Die Existenz von Genen, von intrazellulären Trägern der Erbeigenschaft, leugneten sie rundweg. Da es ihnen zur Bekräftigung ihrer These von der Vererbung erworbener Eigenschaften an überzeugenden experimentellen Beweisen fehlte, griffen Lyssenko und seine Freunde ihre Gegner ideologisch an. „1937 verließ die genetische Diskussion den Rahmen einer wissenschaftlichen Debatte und wurde zu einer politischen Auseinandersetzung, einem Kampf gegen eingebildete Volksfeinde“, schreibt Medwedjew.

Opfer dieses Kampfes wurde in erster Linie Nikolaj Iwanowitsch Wawilow, ein weitbekannter Naturwissenschaftler und Biologe, der für die Entwicklung der sowjetischen Wissenschaften von größter Bedeutung gewesen ist. Wawilow war jahrzehntelang Mitglied der Akademie der Wissenschaften, Gründer und Präsident ihrer Landwirtschaftlichen Sektion und Direktor des Instituts für Genetik. Lyssenkos Gruppe führte eine systematische Hetze gegen Wawilow und seine Mitarbeiter, die man mit dem gerade von Stalin vernichteten „Block der Trotzkisten“ verglich, und erreichte schließlich die Absetzung Wawilows und die Verhaftung einer Reihe seiner Mitarbeiter. Durch Fälschungen, Denunziation und gehässige öffentliche „Diskussionen“ („Warum berufen Sie sich auf Darwin? Warum nicht auf Marx und Engels, Genosse Wawilow?“) brachte es Lyssenko schließlich dahin, daß Wawilow, der sich und seine Überzeugung standfest und mutig verteidigte, im August 1940 verhaftet wurde. Wenige Wochen vor Kriegsbeginn, am 9. Juli 1941, verurteilte ihn ein Militärausschuß des Obersten Gerichtshofes als angebliches Mitglied einer fechten Verschwörung und als englischen Spion zum Tode. Zwar wurde die Todesstrafe bereits nach wenigen Monaten in eine zehnjährige Gefängnisstrafe umgewandelt, aber Wawilow hielt die Bedingungen der Haft nicht aus und starb ein Jahr darauf im Gefängniskrankenhaus von Saratow. Zwölf Jahre später wurde er auf Antrag seiner Familie postum rehabilitiert. Verhaftung und Tod des bekannten Genetikers wurden lange geheimgehalten, Wawilow war einfach „verschwunden“. An seiner Stelle und an Stelle der mit ihm verhafteten und in Gefängnisse und Lager eingelieferten Naturwissenschaftler von Rang herrschten die Pseudobiologen Lyssenkos. Mindestens zwei Generationen von Sowjetbürgern und eine Generation von Bürgern der sogenannten Volksdemokratien wurden in: den Schulen und Universitäten im Geiste Lyssenkos erzogen und lernten zu einer Zeit, da in; der Welt die Unhaltbarkeit dieser These längst bewiesen war, daß erworbene Eigenschaften vererbt werden könnten.

1956 verlor Trofim Lyssenko seine Stellung als Akademiepräsident. Chruschtschows Entstalinisierungsrede auf dem 20. Parteitag war nicht ohne Folgen – auch auf diesem Gebiet. Aber die Wissenschaftler im kommunistischen Block freuten sich zu früh (in Polen bezeichnete man Lyssenko damals offen als Scharlatan). Lyssenkos Stern war noch lange. nicht erloschen, auch für Nikita Chruschtschow erwies sich der Wunderbiologe als willkommener Retter in der Not, als es galt, das Volk über die offensichtlichen Niederlagen in der Landwirtschaftspolitik hinwegzutäuschen. Sein Sturz hing eng mit dem zweiten und endgültigen Sturz Lyssenkos zusammen.

Medwedjew berichtet, wie einen Tag vor Chruschtschows erzwungenem Rücktritt der Genetiker Rapoport einen dringenden Anruf aus dem ZK erhielt: Er solle innerhalb vierundzwanzig Stunden einen ganzseitigen Artikel für die Zeitung Landwirtschaftliches Leben über die Errungenschaften der Genetik schreiben, er brauche kein Blatt vor den Mund zu nehmen, Mendel und Morgan dürften erwähnt werden, volle Unterstützung von höchster Stelle sei ihm gewiß. „Es gab offensichtlich unter den politischen Führern einige, die diesen: Artikel veröffentlicht sehen wollten, bevor Chruschtschows Sturz offiziell mitgeteilt wurde – aber die Ereignisse überschlugen sich: die politische Sensation ging der genetischen voraus!“

Lyssenko trat ab, und die Wissenschaftler atmeten auf. Kurz darauf wurde der hundertste Geburtstag des bisher so verfemten Gregor Mendel zu einer großen Manifestation. Siebzig sowjetische Genetiker reisten nach Brünn, um an einem internationalen Symposium zum Gedenken Mendels teilzunehmen. Sie legten einen Kranz am Denkmal Mendels nieder, das 1949 von seinem Sockel entfernt und zehn Jahre lang in irgendeinem Schuppen aufbewahrt worden war. Jetzt verschwanden die Büsten Lyssenkos, und das Denkmal, das ihn mit Stalin zeigt, wurde abgetragen. Lyssenko selber aber, der die Sowjetbiologie von der Wissenschaft der Welt isoliert und dem Land so viel wirtschaftlichen Schaden zugefügt hat, genießt weiter den Schutz der Regierung. Er hat die neun Lenin-Orden, die ihm auf Lebenszeit verliehen wurden, behalten, und niemand zog ihn – und sei es wegen der Hetze gegen Wawilow – zur Verantwortung. Im Gegenteil, Shores Medwedjew, der diesen Bericht über die dreißigjährige Tragödie der Sowjetbiologie verfaßt hat, wurde dafür noch bestraft: Im Sommer vorigen Jahres hat man ihn auf richterlichen Beschluß gewaltsam in eine Irrenanstalt überführt, aus der er erst auf den Protest seiner Kollegen hin wieder entlassen wurde. Noch sind jene Bedingungen für eine freie Wissenschaft – ob Geschichte oder Biologie – in der Sowjetunion offenbar nicht gegeben, die der Autor in optimistischem Überschwang bereits zu erkennen glaubte.

„Der Mönch“, Roman von Matthew Gregory Lewis. Dieser erstmals 1796 anonym erschienene Schauerroman – ein Musterexemplar der Gothic Novel – hat innerhalb seiner Gattung Furore gemacht wie kein zweiter. Ob Hoffmanns „Elixiere des Teufels“ (1815), ob Maturins „Melmoth“ (1820): Sie und viele andere haben ihre phantastische Erfindung von Lewis spürbar inspirieren lassen. Dieses krude Gemisch aus Erotik, Sadismus, Kolportage und Bigotterie, das ein Zwanzigjähriger zusammenbraute, war das Entzücken der – nach außen hin natürlich entrüsteten – Zeitgenossen, unter denen nur Châteaubriand hellsichtig genug war, das Überdauern dieses Buches vorauszusagen. Friedrich Polakovics hat diesen achten Band der „Bibliotheka Dracula“ aus dem Englischen übersetzt; er erscheint zum erstenmal vollständig in deutscher Sprache. Mario Praz, Experte in Sachen „Schwarze Romantik“, schrieb dreißig Seiten Nachwort, das Lewis in die große Tradition der Gothic Novel einordnet und die Nachwirkungen bis hin zu Antonin Artaud („Theater der Grausamkeit“) verfolgt. Notabene 1: Gothic mit gotisch zu übersetzen (was sich neuerdings einzubürgern scheint), ist irreführend, denn gothic hat nichts mit unserem Stilbegriff gotisch zu tun, auch wenn es sich von dort herleitet. Gothic heißt hier skurril, abstrus; gothic novel ist der Schauerroman. Notabene 2: Trotz modisch bedingter Aufwertung der Trivialliteratur bleibt festzustellen, daß „Der Mönch“ ein spannender Reißer mit literarhistorischen Folgen ist. Nicht mehr, wenn auch nicht weniger. (Carl Hanser Verlag, München; 578 S., 24,80 DM) Eckart Kleßmann

„Geld kostet zuviel“, Roman von Ross Macdonald. Die Szenerie der kalifornischen „Autobahn-Kultur“ ist die Domäne des Privatdetektivs Lew Archer. Hier fahndet er nach verschwundenen Millionenerben oder Ehemännern, durchgebrannten Söhnen und Töchtern, anonymen Briefschreibern oder auch nur – wie in „Geld kostet zuviel“ – nach einer alten goldenen Dose. Archer entdeckt sie bald, gleichsam am Rande der ersten Wegstrecke, die in ein Labyrinth von Verschlagenheit, Geltungsbedürfnis, Korruption, Betrug, Untreue, Mord