Von Victor Lange

Seit seiner magisterialen Verwendung durch Goethe gehört der Begriff Weltliteratur zusammen mit dem sehr viel provozierenderen der Nationalliteratur zu den entwaffnenden Vokabeln einer deutschen Literaturgesinnung, die gern im Zwielicht aus Pathos und Platitüde lebt. Denn zumal in ihrer antithetischen Verkoppelung gehören beide Konzepte durchaus dem deutschen Denken zu und haben, soweit ich sehen kann, nur in der deutschen Geistesgeschichte ihre teils befreiende, teils anmaßende Rolle gespielt. Es mag das mit der eigentümlichen Resonanz des deutschen Wortes "Welt" und dessen nicht etwa nur geographischer, sondern transzendenter Bedeutung zusammenhängen, einer Bedeutung, die weder in le monde oder mondial noch in world oder global zu spüren ist.

Wir dürfen von der These ausgehen, daß Goethes Gedanke einer neuverstandenen weltliterarischen Dimension grundsätzlich auf die Öffnung der zeitgenössischen Bewußtseinsgrenzen zielte und daß seine Forderung nach weltliterarischem Verkehr, deren Voraussetzungen im einzelnen zu prüfen wäre, ihre historischen Gründe hatte und einer historischen Konstellation entsprach. Es ist fraglich, ob in diesem primären Sinn ein Wunsch nach weltliterarischem Austausch heute noch irgendwelche Dringlichkeit oder Berechtigung hat.

Denn in unserer Zeit eines fast unbegrenzt beweglichen Verkehrs und einer potentiell totalen Kommunikation kann die Forderung nach erweiterter Kenntnis der zeitgenössischen Lebensformen, wie sie sich in den Literaturen unserer Welt darstellen, nur noch eine technische sein. Dieser Prozeß des zivilisatorischen Gleichschrittes und der kommunikativen Beweglichkeit scheint seine Grenzen da zu finden, wo sich eine spezifische gesellschaftliche Wirklichkeit in der ihr eigentümlichen Sprache darzustellen sucht, wo der Anspruch gestellt wird, es sei, im Sinne Herders, die Sprache die unverkennbare Signatur und das Instrument einer Kultur und ihres Selbstverständnisses.

Dieser Anspruch hat bisher zu den Grundbedingungen des literarischen Verhaltens gehört: daß ein Dichter die entscheidenden, die fruchtbarsten und folgenreichsten Energien seiner Tätigkeit, seiner eigenen, eben einer nationalgeprägten Sprache verdankt, das schien bisher eine der unabdinglichen Voraussetzungen jeder schöpferischen Auseinandersetzung mit der Welt zu sein. Aber gerade diese bisher selbstverständliche Prämisse ist fraglich geworden.

Bedeutende Dichter unserer Zeit, vielleicht die aufschlußreichsten – Joyce, Beckett, Borges, Nabokov –, sind Zeugen eines umfassenden kritischen Sprachbewußtseins, für das die eigene Sprache zwar Anlaß und Ansatz ist, das sich aber erst in der Aktualisierung eines übergreifenden linguistischen Verfahrens erfüllt. Es sind Dichter, die nicht etwa nur, wie Wieland oder Rilke, die eigene Sprache durch die mehr oder weniger zureichende Beherrschung einer anderen ergänzen, sondern die sich in einer geistigen Landschaft bewegen, in der sich die Sprachen überschneiden, gegenseitig erhellen und durch ein solches Spiegeln und Verzahnen zu einem Verständnis unserer Welt als Sprache führen sollen.

Von diesen Schriftstellern wird die Sprache als Bezugssystem einer historisch und linguistisch erfüllten Gegenwart verstanden; ihre Dichtung stellt den Anspruch, indem sie die Spannweite des heutigen Bewußtseins in ihren sprachlichen Möglichkeiten erfahren will, im eigentlichen Sinne "weltliterarisch" vorzugehen. Weltliterarisch auch insofern, als die Gegenstände dieser Dichtung nicht in erster Linie mehr die Verhaltensweisen sprachlich oder politisch abgegrenzter Gesellschaften sind, wie sie noch den Erzählhorizont der klassischen Romankunst eines Tolstoi, eines Thomas Mann oder eines Proust bestimmten. Nicht um über französische oder irische Lebenszustände etwas zu erfahren, lesen wir die Werke Becketts oder Joyces, sondern um Möglichkeiten des modernen Bewußtseins in seinen gesellschaftlichen Konkretisierungen und im Experiment einer zeitgenössischen Darstellung zu begreifen. Es scheint also wenigstens in diesen Werken Weltliteratur realisiert und der Begriff, samt seiner Gegenthese einer Nationalliteratur, aufgehoben.