Admiral wollte er werden. Und die Welt kennenlernen. Darum trat er 1909 als Seekadett in die kaiserliche Marine ein. Admiral ist er nie geworden, aber durch die Welt hat es ihn sein Lebtag weit getrieben, erst als Mariner, dann als Freund des Reichskanzlers Brüning auf internationalen Konferenzen, schließlich als Emigranten. Die Unternehmungslust, die Unrast des, Seefahrers, der nie für längere Zeit vor Anker gehen mag, hat er sich bis ins hohe Alter erhalten: Sein jähes Ende war nicht ungemäß: Gottfried Reinhold Treviranus, Reichsminister außer Dienst, einer der letzten Zeugen der Weimarer Republik, ein munterer Achtzigjähriger wurde nahe Florenz im Expreß vom Tod ereilt, auf der Reise zu einem seiner vielen Freunde.

"Trevi", ein Senkrechtstarter in der Politik, war vor 1933 als junger Abgeordneter und als Benjamin im Kabinett Brüning in aller Munde. Jahrelang fungierte er im Reichstag als Sprecher und Einpeitscher der Konservativen, ein parlamentarischer Hansdampf in allen Gassen, dem seine Gegner und Kritiker eines nie absprechen konnten: Anständigkeit. Als er den radikalen Kurs der von Hugenberg dirigierten Deutschnationalen nicht mehr gutheißen konnte, trennte er sich und gründete mit anderen Abtrünnigen die "Volkskonservative Vereinigung". Göring garantierte ihm für 25 Jahre einen Platz in der nationalsozialistischen Führungsspitze, er aber zog es vor, Brüning die Treue zu halten, mit dem ihm bei aller Gegensätzlichkeit doch manches verband: die konservative Denkweise, der Traum von deutscher Großmacht, die stille Verachtung für Parlaments- und Parteiwesen, die monarchistische Gesinnung.

Vom Tennisplatz weg entkam er in letzter Stunde den Nazi-Schergen. Zunächst als Farmer, dann als Geschäftsmann hat er in Nordamerika Fuß gefaßt. Nach 1945 blieb er den Geschäften treu, die Politik verschmähte er. Er hat seinen Teil an der Brüning-Legende geschrieben, und es muß ihn gewurmt haben, als im letzten Jahr die Memoiren des Kanzlers ohne sein Zutun und Wissen auf den Markt gebracht wurden. Brüning selber zerstörte posthum die eigene Legende, an der Treviranus bis zuletzt gewoben hat.

Treviranus war der Prototyp des reinen Pragmatikers, dem Programme und Ideologien wenig bedeuten. Ihm hat es einfach Spaß gemacht, im Zentrum der Macht zu sitzen. Forsch und unbekümmert, mit der Grandezza eines Weltmannes und seinem jungenhaften Schalk – so wird er allen, die ihn kannten, im Gedächtnis bleiben. Doch sei’s nicht verschwiegen: Auch er hat in der Sterbestunde der ersten Republik geirrt, gefehlt, gesündigt. Den Menschen heute, fand er, fehle eine Qualität: die Nachsicht. Seien wir also nachsichtig. Karl-Heinz Janßen