Pathetisch beschwor Minister Leussink vorige Woche im Bundestag, die Einheit von Bund, Ländern und Opposition als Partner im bildungspolitischen Geschäft. So dringend war ihm daran gelegen, den eigenen guten Willen zu beweisen, daß er vorher noch bei vier Kultusministern der CDU im Hubschrauber Visite machte, um ihnen "weitgehende Kompromißbereitschaft" in Aussicht zu stellen. Der Grund der plötzlichen Harmonisierungsaktion ist nur allzu deutlich: Um von seinem Bildungsgesamtplan noch zu retten, was zu retten ist, will Leussink dem Widerstand der Finanzminister die Größe Koalition der Kultusminister entgegensetzen.

Wer jemals auf die Bildungspolitik der sozialliberalen Koalition Hoffnungen gesetzt und ihren Willen zur Schul- und Hochschulreform für bare Münze genommen hat, der wird sich allerdings fragen, für was die Einheitsfront noch stehen soll. Für die im Bildungsbericht der Bundesregierung großartig angekündigten Innovationen sicherlich nicht mehr: Was soll schließlich reell die Substanz einer Reform ausmachen, der sowohl der konservativ-doktrinäre Kultusminister Maier aus Bayern als auch der sozialistische Kultusminister Friedeburg aus Hessen noch zustimmen können?

Daß Leussink auf dem Boden der Tatsachen angekommen ist, mag alle die befriedigen, die ihn und seine Bildungspolitik von Anfang an in den Wolken wählten. Daß er aber auf dem besten Wege ist, an Stelle der versprochenen SPD-Bildungspolitik das Programm der CDU zu realisieren, ist ein Witz, den sich die Bundesregierung freiwillig leistet. Denn das ist der Preis der Einheitsfront: Nicht die CDU ändert ihre Ansichten zur Bildungsreform, sondern die SPD steckt ihre Ziele zurück und schwenkt ungeordnet ein.

So brach Leussink beispielsweise noch vor wenigen Wochen in der Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung einen erbitterten Streit vom Zaun, als er eine Abstimmung über die Einführung der Gesamtschule erzwang. Da ohnehin feststand, daß die SPD dafür und die CDU dagegen stimmen würde, war schon damals nicht ersichtlich, wozu der Gewaltakt nötig war. Heute erscheint er vollends als planlose Willkür, denn inzwischen hat Leussink seine Meinung offensichtlich geändert und trägt die Miene des Dulders zur Schau, dem das Konzept der Gesamtschule gegen seinen Willen aufgezwungen wurde: Nicht vor fünfzehn bis zwanzig Jahren, so heißt es heute aus dem Hause des Ministers, könne sich die Integration der Schulen abzeichnen, und vor Ablauf von 25 Jahren sei sie sicher nicht bewerkstelligt. Gegen diese Formulierung hat die CDU nicht das geringste einzuwenden, im Gegenteil, es war schon immer ihre Meinung.

Kompromißbereit zeigt sich Leussink inzwischen auch in seinen quantitativen Reformvorstellungen. So war er ursprünglich der Meinung, daß im Jahre 1985 25 Prozent eines Geburtsjahrganges zur Hochschule gehen sollten (heute sind es durchschnittlich 14,4 Prozent). Inzwischen wird nur noch über 22 Prozent Studienanfänger und weniger diskutiert. Das ist eine politische Größenordnung, mit der die CDU ebenfalls einverstanden ist. Das CDU-Land Baden-Württemberg macht sogar darauf aufmerksam, daß es diese Studentenzahlen bei dem derzeit anhaltenden Trend zu den Hochschulen ohne besondere Anstrengungen erreichen kann. Auf seine Weise hat Kultusminister Hahn schließlich schon immer eine aktive, auf Erweiterung zielende Hochschulpolitik betrieben – sehr im Gegensatz zu manchem SPD-Land.

"Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern?" mag mitunter eine nützliche politische Maxime sein. Aber in der Bildungspolitik wurde zu viel geredet, als daß die Fortschreibung des bisherigen Systems genügen würde. Wenn auf den langen Trommelwirbel nun nichts anderes als ein Grabgesang folgen sollte, dann ist das jedenfalls nur als Düpierung zu bezeichnen. Nina Grunenberg