Von Wolfgang Müller-Haeseler

Wenn die 21 Aufsichtsratsmitglieder der Ruhrkohle AG gemeinsam mit ihrem Vorstand am 30. Juni in Essen in Klausur gehen, werden sie ein Thema beraten, das die meisten bereits der Historie zugerechnet hatten: eine erneute Bergbaukrise. Nur zwei Jahre nachdem die aus dem Zechenbesitz der Ruhr-Unternehmen gebildete Einheitsgesellschaft mit Fanfarenstößen aus der Taufe gehoben wurde, steckt sie in einer tiefen Krise, aus der sie nur noch ein radikales Sanierungsprogramm retten kam.

Wegen der düsteren Lage, die sich in letzter Zeit noch bedrohlich verschlimmerte, legte die Ruhrkohle AG bereits jetzt ein Anpassungsprogramm vor, das nach ihrem Gründungsvertrag erst Ende des Jahres erörtert werden sollte. Danach sollen 3,5 Millionen Tonnen Steinkohlenförderung vorzeitig stillgelegt werden. Zehn bis zwölf Millionen Tonnen sollen überdies auf rentabel fördernde Schächte verlegt werden.

In die Krise der Einheitsgesellschaften platzten Gerüchte über eine vorzeitige Ablösung des Vorstandsvorsitzenden der Ruhrkohle AG, Hans-Helmut Kuhnke. Hans-Günther Sohl, Thyssen-Chef und Aufsichtsratsmitglied des Unternehmens, wurde öffentlich mit der abwertenden Bemerkung zitiert, "er könne Kuhnke jetzt nicht mehr halten". Doch Sohl beeilte sich zu dementieren: "Alles Quatsch, kein Wort ist wahr, ich habe nichts gegen Kuhnke gesagt."

Die schwierige Aufgabe, vor der Kuhnke steht, hat auch die Gewerkschaften dazu veranlaßt, ihre Mitarbeit an der Kohlensanierung öffentlich zu erklären. Bergarbeiterboß Adolf Schmidt: "Wir wollen ein Anpassungsprogramm mitgestalten, wenn am Ende ein gesünderer Bergbau steht." Aber er hat keine Illusionen: "Ich warne vor der Annahme, daß – wenn die Anpassungsmaßnahmen durchgeführt sind – bereits alle Spatzen gefangen sind. Ich glaube nicht, daß wir jemals ohne flankierende Maßnahmen .rentabel fördern können." Und er läßt keinen Zweifel, daß er eifersüchtig über den sozialen Besitzstand der Bergarbeiter wachen wird.

Die Gewerkschaften sehen keinen Anlaß, mit den Eigentümern, die vor zwei Jahren ihren Bergbauanteil bei der Gründung der Ruhrkohle AG in die Einheitsgesellschaft einbrachten, allzu sanft umzugehen. Schmidt bezeichnete es als Schizophrenie, wenn zum Beispiel die Kraftwerksgesellschaften, die seinerzeit mit billiger Kohle aus ihren notleidenden Zechen gute Gewinne machten, heute den kranken Bergbau losgeworden sind, aber immer noch verlangen, ihre Gewinne aus der Stromerzeugung auf Kosten des Bergbaus durch niedrige Kohlepreise zu erhalten.

Die Eigentümer, die sich seinerzeit von der Kohle getrennt hatten, glauben aber bereits eine erhebliche Vorleistung gebracht zu haben. Sie entsagten für zwanzig Jahre jedem Gewinn – der mit einiger Wahrscheinlichkeit ohnehin nicht zu erzielen ist – und wollen jetzt zur Beseitigung der akuten Liquiditätsnot noch einmal auf 700 Millionen Einbringungsforderungen zugunsten eines mehr als unsicheren Besserungsscheines verzichten.