Nachlässigkeit und Unwissenheit verhindern rechtzeitige Vorsorge – Viel Geld wird vergeudet – Warum revoltieren die Eltern nicht?

Von Katharina Zimmer

Aus der Drucksache VI/896 des Deutschen Bundestages: "Das behinderte Kind ist in besonderem Maße auf Hilfe und Betreuung angewiesen ..." So steht es im letzten Punkt des "Aktionsprogramms der Bundesregierung zur Förderung und Rehabilitation der Behinderten", veröffentlicht am 2. Juni 1970: "Diesem Anliegen Rechnung zu tragen, wird ein Schwerpunkt des Aktionsprogramms sein."

Was von dieser ziemlich abstrakten und etwas dürftigen Ankündigung zu erwarten ist, die zunächst nur die Vermutung nährt, daß wir bisher in der Steinzeit gelebt hätten, erfährt man alsogleich im nächsten und letzten Absatz:

Dieses Aktionsprogramm bedarf der Mitarbeit aller an der Rehabilitation beteiligten Stellen im Bund... Vor allem aber bedarf es der Mitarbeit des Behinderten selbst, seines Willens und seiner Bereitschaft, das Handikap der Behinderung zu überwinden. Das Programm bejaht das gegliederte System der Rehabilitation mit der Selbstverwaltung seiner hauptsächlichen Träger; es will in bestehende Zuständigkeiten nicht eingreifen, sondern aufrufen zu einer engen und vertrauensvollen Zusammenarbeit – zum Wohle der Behinderten." Wer es noch nicht wußte, weiß es jetzt: Wir leben in der besten aller Welten und haben keine Veranlassung, etwas zu ändern und in bestehende "Zuständigkeiten" einzugreifen.

Wenn man an Hunderttausenden behinderter, nicht rechtzeitig und nicht richtig behandelter Kinder, an ihren konkreten Schicksalen, über die keine Statistik Auskunft gibt, die Insuffizienz dieses hier ausdrücklich bejahten "gegliederten Systems der Rehabilitation" vor Augen geführt bekommt, so kann man einen solchen Satz nur als puren Hohn auffassen. Oder als das Eingeständnis völliger Unkenntnis.

Irgendwo in diesem Aktionsprogramm taucht auch das Wort "Forschung" auf. Über Forschungsergebnisse und Forschungsvorhaben, wird da empfohlen, solle man sich gegenseitig unterrichten, um Doppelarbeit zu vermeiden; nützlich könne es auch sein, Erfahrungen des Auslandes mit einzubeziehen. Wundert man sich überhaupt noch, wenn solche Selbstverständlichkeiten als Programm verkündet werden müssen? Daß Forschung, daß Wissenschaft und die ständig wissenschaftliche Auswertung der in der Praxis gewonnenen Erfahrungen überhaupt die Grundlage eines Rehabilitationssystems sein müssen, darauf ist in der Bundesregierung offenbar noch niemand gekommen.