Eberbach/Rheingau

Als vor einer Woche im ehrwürdigen Kloster Eberbach im Rheingau der Auktionator zum letztenmal mit dem Hammer auf das Pult klopfte, ward die vielbesungene These, nur ein alter Wein sei ein guter Wein, endgültig Lügen gestraft. Seit dem 27. Mai ist nämlich Deutschlands jüngster Tropfen gleichzeitig auch der teuerste, der je an Germaniens Hängen herangereift ist. Die Verwaltung der Rheingauer Staatsweingüter kassierte den Rekordpreis von 206 Mark, pro Flasche. Der aristokratisch lange Name des neuen Supertropfens ist eine Verbeugung vor dem Reben züchtenden Klerus: "1970/71er Hochheimer Domdechaney-Riesling, Heiliger Dreikönigstag, Eiswein-Auslese."

Die in den klösterlichen Auktionsgewölben versammelten Kenner schnalzten Verzückung mit der Zunge. Das Meßgerät hatte ein Mostgewicht von 193 Öchsle registriert, wogegen sich ein erstklassiger Kabinettwein mit 85 ausgesprochen bescheiden ausnimmt. Das Urteil der Gaumen komplettierte die Unübertrefflichkeit des Weins: von hochfeiner Würze und Süße, von fruchtiger Säure und feiner Rasse, von vollendeter Nuancenharmonie. Der einzige Makel des so hochlöblich gepriesenen Rebensaftes: Nur wenige Liebhaber werden die ihm innewohnende Wahrheit genießen können. Die Trauben reichten nur für 400 Flaschen.

Der Rekord- und Jahrhundertwein ist ein Produkt winzerischen Risikos. Hätte nicht der Gott des Wetters seinem Kollegen Bacchus gegen Ende des vorigen Jahres einen besonderen Freundschaftsdienst erwiesen und ein klimatisches Optimum geschaffen, die vinische Veritas wäre höchst bitter ausgefallen. So aber überstanden die Hochheimer Sondertrauben den ersten Winterfrost, die wasserentziehenden Eiskristalle waren nicht fruchttötend klobig, sondern wie von zarter Hand aufgetupft. In der sonnigen Mittagsstunde des 6. Januar war der Traubeninhalt von vorher nie gekannter Konzentration, das lancierte Naturwunder perfekt. Die Sehr-Spät-Lese fand statt bei minus zehn Grad. An Stelle des üblichen kühlen Trunkes gab es für die Winzer nach getaner Arbeit heißen Tee.

Heißen Herzens wird der Wein, der aus der Kälte kam, jetzt in höchsten Wiesbadener Regierungskreisen erwartet. Beamte und Politiker hoffen, daß Ministerpräsident Albert Osswald als der hessischen Staatsweingüter ranghöchster Kellermeister den Becher bald kreisen läßt. Eingeweihte wollen wissen, ein kleines Kontingent des teuersten aller deutschen Weine werde vom sozialdemokratischen Landesvater bis zur nächstfälligen Hochzeitsfeier mit der FDP unter strengem Verschluß gehalten. Wilfried Dietze