Von Wilhelm Genazino

Der Autor, soeben aus Indien zurückgekehrt, hatte Gelegenheit, in einem Team der Frankfurter Hilfsorganisation "medico international" die Lage an Ort und Stelle zu studieren.

Die vierundzwanzigjährige Ostbengalin liegt auf dem Steinboden. Sie lebt, rührt sich aber nicht. Der Steinboden ist das Fundament einer Hütte, die hier als "Krankenhaus" bezeichnet wird. Der völlig apathisch daliegenden Ostbengalin wird Flüssigkeit eingeführt. Vier katholische Schwestern, die einzigen, die weit und breit zu sehen sind, tun, was sie können. Sie können aber nur sehr wenig tun: sie haben keine Medikamente und keine Instrumente. Das Schicksal der darniederliegenden Ostbengalin ist absehbar: sie hat die Cholera.

Ob sie selber weiß, daß sie höchstens noch ein paar Stunden zu leben hat, ist unklar. Sie spricht nicht und macht keine Anstrengungen zum Sprechen. Sie sieht nur das Strohdach über sich an. Sie ist sehr still. Ob ihr Mann noch lebt oder ob er schon tot ist, weiß hier niemand. Die Schwestern bleiben bei ihr, obwohl alle wissen: Vom Bei-ihr-Bleiben wird sie nicht wieder gesund. Aber was soll man tun mit leeren Händen?

Am nächsten Morgen ist die Bengalin tot. Ihr ausgelaugter Körper, von tagelangen Fluchtmärschen völlig entkräftet, hat die Entwässerung (Cholera) nicht überstanden. Eine der Schwestern fragt: Hatte sie Schmerzen? Ist sie schnell gestorben? Unheimlich schnell und ruhig.

Wir sind im Lager Rajibpur. Es liegt einige hundert Kilometer nördlich von Kalkutta, im District West-Dinajpur, nur etwa fünfzehn Kilometer entfernt von der Grenze zu Ostpakistan. Das Lager Rajibpur ist eines der kleinsten: nur 6000 Flüchtlinge sind hier. Der Tod der vierundzwanzigjährigen Ostbengalin wirkt wie ein böses Signal. Es ist der erste Cholera-Tod in diesem District. Die Nachricht verbreitet sich im Lager und treibt den Flüchtlingen neues Entsetzen in die Gesichter. Sind sie nur nach West-Bengalen geflohen, um hier schnell zu sterben? Das könnte die letzte Wahrheit für eine unschätzbare Zahl von ostpakistanischen Flüchtlingen werden, wenn ihnen nicht, buchstäblich in allerletzter Minute, von irgendwoher genügend Cholera-Impfstoff eingespritzt wird.

Die Cholera, ist sie erst einmal ausgebrochen,. findet hier ideale Möglichkeiten, sich rasend aus- – zubreiten. In den Lagern sind die Trinkwassergebiete nicht getrennt von den Latrinengebieten. Als Toilette gilt der nächste Baum, der nächste Busch. Aus dem gleichen Boden aber wird das Trinkwasser gefördert, und zwar mit Handpumpen, die nur sechs Meter tief in den Boden reichen. Die Cholera-Bakterien, mit den Ausscheidungen in die Erde abgelassen, werden so wieder hochgefördert und – makabrer geht’s nicht mehr – im Trinkbecher weitergereicht.