Von Ingeborg Drewitz

Die Diskussion über den Beitritt der Schriftsteller in die Gewerkschaft kann über zweierlei nicht hinwegsehen: die Frage nach der Notwendigkeit eines solchen Schrittes; über die Sorge, die Übermacht des großen Gewerkschaftsapparates könne zur Bevormundung der Schriftsteller führen.

Die Bedenken sind dem VS-Vorstand durchaus gegenwärtig, wenn er, dem Beschluß des Stuttgarter Kongresses folgend, mit den Gewerkschaften verhandelt. Noch Anfang 1970 hätte ein Eintritt in eine der Gewerkschaften möglicherweise einen Vorausverzicht bedeutet; heute muß er nicht mehr befürchtet werden. Die Publizität des Verbandes deutscher Schriftsteller, aber auch die Arbeit seiner Landesverbände haben die Öffentlichkeit auf die soziale Misere der Schriftsteller aufmerksam gemacht; mehr noch: kulturelle Repräsentanz ist erreicht worden, weil die prominenten Autoren nicht draußen geblieben sind.

Dennoch möchte ich vor einer Schwächung der Verbandsstruktur warnen. Das Verhandlungsangebot der IG Druck und Papier, die ihrer Struktur nach nur Fachgruppen aufnehmen kann, also die Auflösung des VS als eingetragener Verein voraussetzt, bedarf darum der kritischen Überprüfung.

Da sich nun aber auch die bildenden Künstler entschlossen haben, einen Gesamtverband zu schaffen, dessen Vorstand beauftragt werden soll, über den Beitritt in eine Gewerkschaft zu verhandeln, ist eine "IG Kultur" als Gewerkschaft aller im kulturellen Bereich Tätigen greifbar geworden. Die Verhandlungsbasis ist damit verbreitert.

Denn wenn zu den Erfahrungen des VS auch die Verzögerung bei der Novellierung des Urheberrechtsgesetzes und die Stagnation bei den Verhandlungen mit Verlegerschaft, Rundfunk- und Fernsehanstalten gehören, die die Rückendeckung durch eine größere Organisation jedenfalls wünschenswert machen, wenn auch die Schriftsteller nicht schon selbstverständlich "eingemeindet" und Kipphardt-Fälle noch täglich möglich sind, wenn ihre Sondersituation von der Steuergesetzgebung, anders als in einer Reihe west- und nordeuropäischer Länder, noch immer unberücksichtigt ist, wenn weder für Krankheit noch Alter gesorgt ist, so sollten sich die Schriftsteller doch bewußt bleiben, daß sie bei einem Eintritt in die Gewerkschaft trotz ihrer kleinen Zahl interessante Partner sind und bleiben müssen.

Es darf getrost – auch im Hinblick auf die verschiedenen Ansätze zur gewerkschaftlichen Organisation der Schriftsteller seit etwa drei Generationen – von einer Jahrhundertentscheidung gesprochen werden. Das neunzehnte Jahrhundert gestand dem Literaten, aber auch dem Künstler, die Pose, mehr den Glauben zu, daß Selbstverwirklichung des Einzelnen das Ziel der Geschichte sei – jene große Idee, die seit der Renaissance die europäische Philosophie bestimmte und im deutschen Idealismus gipfelte, aber auch endete. Von sozialen Konflikten geschüttelt, feierte die Gesellschaft noch einmal den Künstler, den Dichter, das Genie, ohne seine soziale Lage sonderlich ernst zu nehmen.