Von Alexander Rost

Wenn es keinen Whisky gegeben und der Ingenieur Frederick Winslow Taylor nicht just seinen Wälzer über rationelle Arbeitsmethodik geschrieben hätte –, wer weiß, ob jemals der Startschuß zu einer Starboot-Regatta gefallen wäre.

Starboote segeln überall, vor der Krim wie an der Küste Kaliforniens, auf Alpenseen oder im Hafen von Singapur und jetzt natürlich wieder auf der Kieler Förde. Am Sonnabend beginnt die Kieler Woche. Als eine der sechs Klassen, die im nächsten Jahr am selben Ort zu den Olympischen Segel Wettfahrten auf den Dreieckkurs gehen, wird man die Starboote besonders aufmerksam beobachten; sie sind in der Tat "Stars". Und so fing das an:

In einer Kneipe am Long-Island-Sund saßen beim Whisky George A. Corry, ein Mann, der sich keine Yacht leisten konnte und doch segeln wollte, Curtis M. Mabry, seines Zeichens Konstrukteur von Wellblechschuppen, Hundehütten und Anlegestegen, und William Gardner, ein Unternehmer und trotz des Whiskys nüchtern.

Die anderen redeten; er rechnete: 170 Dollar würde das billigste Boot kosten. Corry hatte genau 140 und keine Ahnung, wie man mit hart gesottenen Geschäftsleuten verhandelt. Gardner; gab keinen. Cent nach. Doch da fiel Mabry die neue Taylorsche Methodik ein. Taylor war zwar nicht der Erfinder, aber der Organisator der Fließbandtechnik und mancherlei anderer kostensparender Techniken dazu. Ohne ihn hätte, zum Beispiel, Henry Ford nicht so viele billige Autos bauen können. Corry wäre ohne ihn auf dem Trockenen geblieben; denn nun also griff Mabry in die Gardnersche Rechnung ein: "Sie haben doch Platz in Ihrer Bude, Gardner, bauen Sie doch gleich ein Dutzend!" Der Unternehmer rechnete ein zweites Mal: 138 Dollar. Das Boot, das dann Starboot heißen sollte, ging "in Serie".

Ein Dutzend Boote zugleich wurde zu Wasser gelassen. Das lockte einen New Yorker Lokalreporter an, der höhnisch von "häßlichen Wasserwanzen" berichtete. In den Yacht-Klubs hielt man sich den Bauch vor Lachen. Zuletzt aber lachten die drei, die sich beim Whisky gefunden hatten. Ihre Boote lagen vom Stapellauf an mit klarem Vorsprung im Rennen um die Gunst der Käufer; denn sie waren sagenhaft billig. 1911 war das.

Die Story, wie das Starboot entstand, ist freilich mit Seemannsgarn verziert. William Gardner war nicht irgendein Unternehmer, sondern ein berühmter Konstrukteur. Er hatte unter anderem den Dreimastschoner "Atlantic" entworfen, der im Ozeanrennen 1905 den bis heute ungebrochenen Rekord von 12 Tagen, 4 Stunden, 1 Minute aufstellte. Curtis M. Mabry baute Komplizierteres als Hundehütten. George A. Corry war schon ein versierter Regattasegler, als er den Wunsch nach einem neuen Boot hegte. Und nicht ein Dutzend, sondern gleich 33 Boote wurden in der ersten Serie gebaut.