ARD, Sonnabend:, 12. Juni: "Groschenspiel"

Ist es wirklich nur eine Illusion zu glauben, Unterhaltendes und Ernstes ließen sich miteinander so verbinden, daß weder das eine noch das andere als U oder E auf- und herausfällt? Kann es nicht möglich sein, Ernstes unterhaltend zu machen und dabei, selbstverständlich, Unterhaltung ernst zu nehmen? Aber schon eine winzige Bemerkung des Moderators machte eine alte Diskrepanz deutlich, als er eine Klage erwähnte, in dieser Sendung werde "zuviel geredet", und deshalb folge nun gleich Musik.

Trotzdem sollte das "Groschenspiel" weiterhin aller Beachtung wert sein, der Versuch nämlich, ein undefiniertes Publikum unterhaltend – das bedeutet auch: didaktisch geschickt – mit Problemen seines Daseins bekannt zu machen und womöglich dazu zu bewegen, mal mit- und nachzudenken. Und wahrscheinlich erfahren viele überhaupt zum erstenmal, daß es Probleme gibt und sie selber davon betroffen sind. Am schlechten Gewissen mancher Quizmaster, daß sie "nur" läppisch unterhalten, und am unsicheren Gefühl mancher Reporter, daß ihre Sendungen "zu ernst", "zu schwierig" seien, als daß sie "ankommen" könnten, zeigt sich die alte, freilich oft ganz unbegründete Polarität von U und E.

Aber der Versuch, die beiden offenbar widerspenstigen Methoden miteinander zu vereinen, ist ernsthaft noch nicht wirklich probiert worden. Auch das "Groschenspiel" stellt bisher nur den Versuch dar, jeweils ein wichtiges Thema mit allerlei Unterhaltungsornamenten zu schmücken, zu verpacken, damit man nicht so sehr merkt, daß das Verpackte was "Ernstes" ist. Diesmal hieß das Thema: "Gleiche Bildungschancen für alle?" Eine gute Frage, ein wichtiges Thema.

Aber die Sendung stellte es nicht unterhaltend dar, sondern klebte einfach verschiedene Methoden der Darstellung nebeneinander: Der Moderator verbindet, die Typusfamilie, deren Sätze in jeder Durchschnittsfamilie gepflückt werden können, spielt den Kontrapunkt zum aufgeklärten Moderator. Der eine arrangierte "intellektuell", die andere kommentierte betont volkstümlich.

Die Frage des Themas wurde in einer Reportage über die Lehrlingsausbildung dargestellt (in der die Reporterin mehr über die Umstände schwätzte als nach Antworten fragte), in verschiedenen Sketchen (die das Thema in gleichnishaften Szenen oft so ironisch verfremdeten, daß diejenigen Fernseher, die man, hoffentlich, beeindrucken wollte, es ganz gewiß nicht verstanden), in einem Fragespiel (zwischen Moderator und dem Lehrerfunktionär Christians sowie dem ehemaligen Berliner Schulsenator Evers, das genauso kommuniquehaft war wie dergleichen knappe Pseudodiskussionen anderswo. Vom Meer der Probleme blieben nur zwei Luftblasen an der Oberfläche und ein dafür fast viel zu wichtiger Satz von Evers, daß die politische Entscheidung für die Gesamtschule sofort getroffen werden muß, ging unter).

Das Ergebnis ist leider ein Zwitter: weder U noch E, nur von jedem ein bißchen und natürlich Musik, der Unterhaltung wegen, und sie war nicht einmal der schlechteste Bestandteil der Sendung, schon weil intelligentere Stimmen bemüht wurden als Gitte und Gildo.

Das nächste Thema heißt Umweltschutz. Die nächste Hoffnung: daß nicht U und E aneinandergeklebt werden, sondern daß E als U gemacht wird. Manfred Sack