Von Dietrich Strothmann

Bullig wirkt er noch immer: mächtiger Schädel, kräftiges Kinn, breite Schultern, weiter Brustkorb. Willi Weyer ist, wie in alten Zeiten, das Musterbild einer "westfälischen Eiche": 1,90 Meter groß, zwei Zentner schwer. Heute wie früher wird er der "Bär" genannt oder "Big Willi". Und bei dem knapp 54jährigen, der einmal Meisterschwimmer war, Basketball-Nationaler und Tormann beim Wassersportverein Hagen 94, nimmt es auch nicht wunder, wenn er täglich, im eigenen Schwimmbad, sein Streckensoll absolviert, zuweilen auch zu mitternächtlicher Stunde, und ständiger Gast in der Sauna oder auf dem Tennisplatz ist. Weyer ist, so scheint es auf den ersten prüfenden Blick, quicklebendig, voller Tatkraft, voller Tatendurst. Von Ermüdung, so versichert er, ohne sich zu verstellen, keine Rede, von Resignation spreche nur, wer ihm Böses wolle.

Und doch will Weyer 1972 nicht mehr für den Landesvorsitz der nordrhein-westfälischen FDP kandidieren. In Paris, durch seinen erwählten und von ihm systematisch aufgebauten Nachfolger, den erst 38jährigen Wirtschaftsminister Riemer, kam es an den Tag, Erst ließ Weyer dementieren, zwei Tage später bestätigte er seine Abschiedsabsichten. Der stärkste Landesverband der Liberalen (19 000 Mitglieder) verliert sein kräftigstes Zugpferd.

Noch einmal: Ermüdung, Resignation – Weyer weist solche Motive für seinen Entschluß weit von sich. Aus gutem Grund, denn in einer Phase, in der die Freien Demokraten – geschwächt durch Wahlniederlagen und Abspaltungen – um ihre Überlebenschance bangen, darf Willi Weyer, der Hüne, der zu einem FDP-Denkmal wurde, als "Siegfried der Liberale", als "Götz von Hagen", als der "Nibelungentreue", nicht den Eindruck erwecken, er gebe auf, ziehe sich zurück, lasse alle Hoffnung, fahren. Wenn er den Kampf um seine Partei, das Ringen um ihre Zukunft, den Streit um ihren Kurs der Mitte anderen überlasse – dann, so heißt es, geht es auch mit den Freien Demokraten zu Ende.

Weyer wehrt sich gegen den Vorwurf, der Lotse verlasse ein sinkendes Schiff. Einmal, weil er als Innen- und Wohnungsbauminister in Düsseldorf noch auf der Ruderbank bleibe, zum anderen, weil er als Vorstandsbeisitzer in Bonn seine Hand am Steuer behalte – vor allem aber, weil das Schiff der Liberalen keineswegs sinke. Denn, so Weyer weiter, ein FDP-Trommler ohne einen mit Sitzungsterminen vollgestopften Terminkalender habe bis 1973 freie Hand, seiner Partei über die Fünf-Prozent-Hürde zu verhelfen. Ihr könne der Sprung nur gelingen, wenn sie an Rhein und Ruhr gut abschneidet. Darum habe er seinen Entschluß jetzt fassen müssen, zwei Jahre vor der nächsten Bundestagswahl und nicht etwa, wie es ihm manche Freunde angeraten hätten, danach. Denn 1974 sind in Nordrhein-Westfalen Kommunalwahlen, und ein Jahr später Landtagswahlen. Weyer mußte, wenn schon, rechtzeitig seine Entscheidung treffen.

Leichten Herzens tat er es gewiß nicht. Und es gab auch nicht nur taktisches Augenmaß für den besten Zeitpunkt den Ausschlag oder die Einsicht, als Minister und Ministerpräsident-Stellvertreten: genug auf dem Kopf zu haben: große Verwaltungsreform, Sorge um die Polizei, das Auspendeln von Forderungen und Gegenforderungen in der Regierungskoalition.

Zwei andere Erfahrungen zwangen ihn zur Entscheidung, das aufreibende Amt des Landesvorsitzenden abzugeben: seine Gesundheit (fünfmal in den letzten Jahren war Weyer krank) und seine tiefe Enttäuschung über Verluste bei den Landtags wählen und den Verrat seiner Freunde. Von diesen Gründen mag der "Bär" und "Grabenkämpfer" Weyer freilich nichts wissen; vertuschen kann er sie dennoch nicht. So robust und rustikal, wie er sich noch immer den Anschein gibt, ist er nicht mehr. Auch wenn er einen Lebensabschnitt erreicht hat, wo andere Politiker erst den Vollbesitz der Macht anstreben, muß er sich doch Maßhalten auferlegen. Schon oft beschworen den zigarrenrauchenden Zweizentnermann die Ärzte, wenn er wieder einmal aufs Krankenlager geworfen wurde: "Aufhören!"