Von Martin Gregor-Dellin

In der Frage, ob der Verband deutscher Schriftsteller (VS) der Gewerkschaft beitreten sollte, stehen weiterhin Argumente gegen Argumente. Dieter Lattmanns Erwiderung (ZEIT Nr. 23) läßt sich in dem Satz zusammenfassen: Ich kann euch zwar nichts versprechen, aber nun seid mal alle schön artig. Reinhard Baumgart, dialektischer vorgehend (ZEIT Nr. 24), baut dagegen in sehr wesentlichen Punkten leider Pappkameraden auf, die dann um so leichter umzulegen sind. (Eben dies machte die Diskussion im bayerischen VS so unfruchtbar, und ich gebe Baumgart gern recht, daß über Details hoch hinweggeredet wurde.)

Baumgart geht von der Behauptung aus, hinter dem "Sorgenkatalog" – und um Sorgen handelt es sich in der Tat, nicht um "Ressentiments", wie Lattmann unterstellt – werde keine Alternative sichtbar, ich hätte sie nicht zu formulieren vermocht oder gewollt. Es war aber sehr wohl von "Zusammenarbeit und Zusammenschluß mit Verbänden verwandter Berufe" die Rede, "woraus allein eines Tages so etwas wie eine unabhängige Gewerkschaft Kultur hervorgehen könnte". Dabei bleibe ich, und wie nahe ich damit der Wirklichkeit komme, haben bei ihrem Frankfurter Kongreß die bildenden Künstler gezeigt, die sich gegenüber dem Anschlußmodell der IG Druck und Papier mindestens reserviert verhalten haben und einen korporativen Beitritt, unter Bewahrung der eigenen Verbandsstruktur, jedenfalls vorziehen würden, solange sich nichts Besseres bietet. Die Entwicklung kann sehr schnell über ein wackliges Modell hinweggehen, an dem sich jetzt noch Polemik entzündet.

Die größte Gefahr scheint mir jedoch eine Ideologisierung zu sein, jene Links-Rechts-Verdächtigung, die neuerdings im Schwange ist. Wenn man die Entscheidung pro oder kontra Gewerkschaften ideologisiert, wird sie für die Mehrheit der Schriftsteller unannehmbar. Falls wir uns nicht darauf einigen können, daß in dieser Sache künftig nicht mehr von links oder rechts gesprochen wird, sind wir auf dem Weg zu einer Verteufelung, die jede sachliche Diskussion ausschließt. Denn erstens ließe sich endlos streiten, wer hier mehr oder weniger links, linker als der andere ist, und zweitens wäre es unzumutbar, wenn Gegner eines IG-Modells auf diese Weise im Verband und in der Öffentlichkeit in die Rolle von Reaktionären gedrängt würden. Dieter Lattmann hat dieser Tage (in der Süddeutschen Zeitung vom 12. Juni) ausgerechnet bei Gelegenheit eines Plädoyers für Günter Grass geschrieben: "Wo aber Einteilungen nach Richtungsweisend üblich sind, neigt man zum Fanatismus." Dürfen wir ihn künftig zitieren?

Wir stehen nicht auf Barrikaden, und wir errichten auch keine. Eben darum sind Warnungen vor einem IG-Modell kein Rückzugsgefecht. Sie halten nur Möglichkeiten offen, die mit einem übereilten Anschlußverfahren für immer verbaut werden können. Daß es dieser Haltung an Überzeugung mangle, dürfte doch wohl nicht Baumgarts Ernst sein, denn dann wäre er ja wohl auch in seiner Glaubwürdigkeit erschüttert, wenn er den gegenwärtigen VS für "kaum selbständig" hält. Es ist doch merkwürdig, daß gerade diejenigen, die die Verdienste des VS, seine Stärke, seine Unabhängigkeit einst überzeugt vorgetragen haben, um ihn groß zu machen, ihn jetzt fortwährend zu verkleinern suchen, um ihn durchs Nadelöhr der Anschlußdebatte zu bringen. Dies verschiebt die Verhältnisse und kann dem VS, innerhalb oder außerhalb eines größeren Ganzen, nur schaden. Und was die Subventionen betrifft, so weiß auch Baumgart, daß sie nicht von Ministern, sondern von Parlamenten beschlossen werden; sie waren keine "Treueprämien für irgendwelches Wohlverhalten", sondern haben uns nicht gehindert, der Bescheidenheit ein Ende zu setzen.

Schließlich sei dem Hinweis auf die der IG Druck und Papier schon angegliederte Deutsche Journalisten-Union (dju) nur der unabhängige Deutsche Journalisten-Verband (DJV) entgegengehalten, der bei einem Mehrfachen an Mitgliedern bisher für seine Redakteure und freien Mitarbeiter Erstaunliches erreicht hat und mit dem zusammen (siehe oben) noch einiges zu unternehmen wäre. Wenn schon Multiplikation unserer Kräfte, dann jede wünschbare. Wenn schon Modelle diskutieren, dann auch das englische der Writers’ Guild oder das skandinavische.

Wenn schon so viel auf dem Spiel steht, dann muß erst gedacht – und dann gemeinsam gebellt werden.