Frankfurt

Am Wochenende meldeten die Geschäfte in Frankfurt und Umgebung den Ausverkauf eines ansonsten weitgehend unbeachteten Konsumguts: Müllsäcke, so bedeuteten die Verkäufer mit bedauernder Gebärde hinter den Ladentischen, seien leider nicht mehr zu haben.

In Frankfurt wuchs ein Müllberg heran, stetig und unaufhaltsam, der Vorstellungen und Bilder signalisierte, wie sie hierzulande im Fernsehen gelegentlich allenfalls aus New York oder Rom gezeigt werden: das Bahnhofsviertel, moralisch ohnehin schon hinreichend verrufen, "stehend" vor Dreck, Halden von zusammengetragenem Unrat rund um die Hauptwache, zunehmende Verwahrlosung auf der Zeil, der Renommier- und Geschäftsstraße. Die 108 000 Mülltonnen der Stadt quollen über, in den großen Kaufhäusern stank es aus Lüftungsschächten, Bürger mit unterentwickeltem Gemeinsinn nutzten die zweifelhafte Gunst der Stunde, alte Ofen und anderes Sperrgut loszuwerden. Der Unrat begann die Grenzen ziviler Enthaltsamkeit zu sprengen.

Die annähernd 700 000 Bürger der Main-Metropole leben seit Mittwoch vergangener Woche unter der Diktatur der Müllmänner, ausgerufen mit dem Ziel, innerhalb der städtischen Bediensteten eine "soziale Gleichstellung" zu erwirken. Den Anlaß bot ein Streit um unzeitgemäße Deputate, der sich in Frankfurt seit Jahren die Belegschaftsmitglieder der Stadtwerke erfreuen: Sie beziehen monatlich 300 Kilowatt Strom gratis und dürfen desgleichen unentgeltlich die kommunalen Verkehrsmittel benutzen. Statistiker haben errechnet, daß sich die Vergünstigungen auf umgerechnet 632 Mark pro Jahr belaufen.

Was den Bediensteten der Betriebszweige Strom und Verkehr recht sei, so befanden die Müllmänner, müsse für "die Ärmsten der Armen" (die Müllabfuhr zahlt den Schwerstarbeitern im Durchschnitt 1100 Mark pro Monat) billig sein, Da aber permanente Kritik an einer kaum zu leugnenden Verletzung des Gleichheitsgrundsatzes in den Wochen zuvor nichts gefruchtet hatte und statt dessen beispielsweise auch der linksorientierte SPD-Unterbezirksparteitag mit überwältigender Mehrheit eine Ausdehnung der Deputate verwarf, entschieden sich die 1500 Mitarbeiter des Reinigungsamts für einen "spontanen Protest". Vor der Verbrennungsanlage im Vorort Heddernheim zogen die "Rebellen" einen Kordon aus Müllwagen und Streikposten zusammen, der auch privaten Abfuhrunternehmen den Zugang verwehrte.

Die Müllader sahen sich in ihrer Position um so mehr bestärkt, als unter Führung der Personalräte mehrere Stadtämter ebenfalls den Ausstand, zumindest aber – wie vor kurzem noch die Fluglotsen – den in Mode gekommenen "Dienst nach Vorschrift" proklamierten. Die Theater der Städtischen Bühnen schlossen ihre Theater das Bestattungsamt begann mit zum Teil empfindlichen Verspätungen zu arbeiten, die Hafenbetriebe streikten, das Gartenamt versorgte mit einem Notdienst nur noch die wichtigsten Pflanzenkulturen,

Wie erbittert gefochten wurde, bewies eine Demonstration von gut 5000 städtischen Bediensteten vor der historischen Paulskirche, während der Frankfurts Personaldezernent Peter Jäckel im Lärm der Protestierenden kaum in der Lage war, die Argumentation der Stadt zu verbreiten. Er erfuhr – etwa vom Vertrauensmann des Versicherungsamts –, daß die mit absoluter Mehrheit regierenden Sozialdemokraten mit "Konsequenzen an der Wahlurne" rechnen müßten. Immerhin seien bei der Demonstration "60 000 Stimmen versammelt".