Von Jürgen Werner

In dubio pro reo, dieser alte Rechtsgrundsatz gilt formal sicherlich auch für die Fußballspieler Tasso Wild und Bernd Patzke von Hertha BSC Berlin sowie den Nationaltorwächter Manfred Manglitz vom 1. FC Köln, die sich, dem Kontrollausschuß des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) unter Vorsitz des Landgerichtsdirektors aus Stuttgart, Dr. Hans Kindermann, zur ersten Vernehmung gestellt hatten. Angeklagt der passiven Bestechung – Horst Gregorio Canellas, Offenbachs Präsident, hatte das Beweismaterial, Tonbänder vor allem, dem DFB vorgelegt –, demonstrierten die Fußballstars lächelnd Optimismus, als sie die Verhandlung verlassen hatten. "Kein Kommentar", ein inhaltsschwerer Aphorismus, wo doch die Öffentlichkeit ein "Unschuldig", wenn nicht erwartet, so doch erhofft hatte. Die Vernehmung von weiteren Zeugen muß also fortgesetzt werden, bevor Anklage vor dem Sportgericht des DFB erfolgt.

Nie galt die Platitüde "Opas Fußball ist tot" mehr als heute. Die modernen, natürlich progressiven und jungen Fußballspieler des Jahres 1971 spielen nicht nur – selbstverständlich im Stil der neuen Zeit –, nein sie pokern auch im Fußball. 140 Mille – die Offenbach den Berlinern bot – waren laut Patzke nur als Bestätigung des eigenen Wertes gedacht, nicht etwa als reale Offerte: "Wir wollten kein Geld nehmen." Im Gegenteil, dem Täter – Canellas – auf der Spur, wollten sie ihn auch überführen.

Das gleiche Argument nimmt auch derselbe Offenbacher Präsident für sich in Anspruch, der Anfang Mai dem Kölner Torwächter Manglitz 25 000 Mark gegen Quittung ausgehändigt hatte, um den Sieg gegen den potentiellen Absteiger Rot-Weiß Essen zu garantieren: Am geheimen Treffpunkt übernahm die Braut den Lohn der Angst. Denn die panische Furcht vor dem Abstieg in die Regionalliga – der Orkus für die Bundesligavereine – treibt zu solchen Manipulationen. Der Präsident traf auf einen kongenialen Partner. Vor dem entscheidenden Abstiegspiel in Köln brauchte er ihn nur erneut anzusprechen. Diesmal ging es um 100 000 Mark für eine Niederlage Kölns gegen Offenbach. Inzwischen – der Fachjargon bei den Gesprächen beweist dies – gedieh die Kumpanei aufs beste. "Grüne Jungens" wie Kapellmann von Köln und Kremers von Offenbach wurden aus dem Komplott eliminiert, der Nationalspieler Overath – Kapitän der Nationalmannschaft – für ungeeignet befunden. "Der quatscht immer so dumm."

Bisher noch nicht ausgepackt hat ein geheimnisvoller Unbekannter aus Bielefeld, der – laut "Bild" – Name und Konto desjenigen Berliner Spielers kennt, der mehr als 50 000 Mark aus Bielefeld erhalten hat. Die gleiche Summe tauchte schon einmal auf, als von Offenbachs Vizepräsident Klein behauptet wurde, der Berliner Spieler Gergely habe sie von Bielefeldern Vertretern erhalten, um ihn "auszupokern", der mit 140 000 Mark in bar in einer Gaststätte in Berlin Wild und Patzke traf. Bielefelds Vorsitzender Stute dementierte in einem Fernsehinterview, daß je Kontakte bestanden hätten mit dem Hinweis, die Mannschaft habe "um ihr Leben" gekämpft. Einen lapsus linguae könnte man meinen, daß er das Wörtchen "wie" ausließ. Wahrscheinlich aber ist, daß er damit tatsächlich das – ob fiktiv oder nicht – existentielle Problem des Abstiegs für Vereine anspricht.

Der ebenfalls in Frankfurt als Zeuge geladene Trainer der Bielefelder, Piechaczek, beteuerte, er werde jeden anspucken, der seiner Mannschaft Manipulationen vorwerfe. Für den Erhalt der Bundesliga spendierte ihm ein Mäzen ein Sportauto, der Mannschaft eine Sonderprämie: Der spucke den ersten Tropfen, der den Mäzen für einen Berliner hält.

Das Fehlen eines sogenannten Unterbaus für die Bundesliga, die zweite Bundesliga also, wird als ultima ratio propagiert. Daß sie aber schlagartig alle Probleme lösen könnte, ist eine Illusion.