Als Friedrich Meinecke im Jahre 1908 sein Buch "Weltbürgertum und Nationalstaat" veröffentlichte, gab er wieder, was eine Generation dachte und in dem Werk des Freiburger Historikers ausgebreitet und gerechtfertigt sah. Das Buch ist heute selbst ein historisches Zeugnis, unerläßlich zum Verständnis jener Zeit und dank seiner Sprache, Überzeugungskraft und reizvollen Verknüpfung der Literatur mit der Politik immer noch lesenswert. Den – freilich unerreichten – Meinecke glaubt man auf jeder Seite eines Baches wiederzufinden, dessen größte Überraschung das Erscheinungsjahr ist: 1970. Ohne die Bibliographie und das Copyright könnte man versucht sein, die Entstehungszeit um 40 Jahre vorzudatieren:

Gustav Adolf Rein: "Der Deutsche und die Politik. Betrachtungen zur Geschichte der Deutschen Bewegung bis 1848"; Musterschmidt Verlag, Göttingen 1970; 321 S., 30,– DM.

Es ist – zumindest will es das sein – ein Gang durch die deutsche Geistesgeschichte, den andere Historiker besser bewältigt haben. Das Buch wird weder dem Titel noch dem Untertitel gerecht – was heißt denn im 18. Jahrhundert "Der Deutsche"? Sind Goethe, Schiller, Winckelmann "die" Deutschen? Was heißt "deutsche Bewegung"? Galt sie dem Reich oder den deutschsprachigen Einzelstaaten oder dem kleindeutschen Nationalstaat? Was heißt übrigens "deutsch"? Spricht Rein von einem Deutschland des Gemüts, des Geblüts, der Sprache oder des Geistes?

Nun, Reins Intentionen bleiben nicht verborgen, man stolpert geradezu über sie auf jeder Seite. Sein Ziel – unreflektiert als richtig vorausgesetzt – ist der Nationalstaat, wie ihn die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts verstand, und das Verhängnis der Deutschen (!) – so behauptet er – war eben, daß aus dem alten Reich in seiner "unsäglichen Staatszersplitterung" ein "unpolitisches Geschlecht in Deutschland ausgebreitet worden" ist. "Es war ein Verhängnis, daß die Deutschen, als es in Europa zur Entfaltung (sic!) von Nationalstaaten kam, den Deutschen von ihrer Geschichte her ein besonders mühsamer Weg zur Einheit und Freiheit (Freiheit wovon und wozu?) auferlegt worden ist..." Das Zitat ist korrekt wiedergegeben – nur ein Beispiel für die gedankliche Zucht des Autors. Rein lächelt über die Ansicht, daß Politik vor allem Weltverbesserung sei (warum eigentlich nicht?) – nein, sie ist das "Wirken im Gegebenen".

Diese Kostprobe soll genügen. Rein bietet, abgesichert durch die Berufung auf ausgerechnet Treitschke, eine Sammlung von Klischees, die man vor dem Ersten Weltkrieg unangefochten hätte vortragen können – was nicht heißt, daß sie damals richtiger gewesen wären.

Nun bliebe es immerhin ein verdienstvolles Werk, auf 300 Seiten eine Darstellung aller Gedanken und Strömungen zu geben, die sich mit den Problemen des Reiches, des Nationalen und der aus ihnen abgeleiteten politischen Theorien befassen. Das freilich ist dem Autor nicht gelungen; schon die blumige, unpräzise Sprache läßt zweifeln, daß es ihm hätte glücken können. Da heißt es von Turnvater Jahn: "eine merkwürdige Erscheinung aus der Tiefe des einfachen Volkes"; da wird dem Adel zu Beginn des 19. Jahrhunderts attestiert: "Mit der Bodenständigkeit war eine Verwurzelung im Naturhaften und im Herkömmlichen gegeben." Da "entfalten" sich Staaten – sicherlich ein schönes Wort, das aber mit ganz bestimmten Entelechie-Vorstellungen befrachtet ist, die wenigstens anzureißen dem Autor gut angestanden hätte.

Noch mehr verstimmt den Leser, auf jeder zweiten Seite Behauptungen wiederzufinden, die durch die Forschung widerlegt sind. Als kurze Geschichte für die Jahre 1750 bis 1848 kann man das Buch mit schweren Bedenken gelten lassen; mit Blick auf den Untertitel ist das Prädikat "ungenügend" angemessen. Horst Bieber