Von Dieter Buhl

London, im Juli

Vive la reine", prostet ein angeheiterter Mann in einem Londoner Pub seinem Zechgenossen zu. "Vorläufig", antwortet der mit Entschiedenheit, "heißt das ja wohl noch ‚Long live the Queen."

Im Unterhaus debattieren die Abgeordneten zu später Stunde über soziale Mißstände in Wales. Es geht um Krankenhäuser, Kindergärten und Schulen. Plötzlich springt einer der Abgeordneten auf und fragt fast verzweifelt: "Was wind aus Wales, wenn wir Mitglied der Europäischen Gemeinschaft sind?"

"Genossen", warnt ein Labour-Abgeordneter eindringlich die Teilnehmer einer Parteiversammlung in Edinburgh, "wenn wir in der Beitrittsfrage nicht einig sind, besteht die Gefahr, daß unsere Partei zersplittert."

Drei Szenen, für die sich in diesen Tagen überall in Großbritannien Parallelen finden lassen. Die Wichtigste Entscheidung, die das Land je in Friedenaszeiten zu fällen hatte, stellt die Gelassenheit der Briten auf eine harte Probe. Sie verängstigt die Hausfrauen und verunsichert die Arbeiter, sie beunruhigt den Mittelstand und sie stellt die proeuropäischen Politiker vor die schwierige Aufgabe, ihren Wählern die Vorteile eines britischen Beitritts zu erklären.

Angesichts der Tragweite des Entschlusses ist es kein Wunder, daß die Diskussion nicht nur sachlich geführt wird. Absurdes und Lächerliches spielt mit hinein. Die Ressentiments sind stark. Dem konservativen Abgeordneten Timothy Raison fiel es noch leicht, die Frage einer Anhängerin aus seinem Wahlkreis nahe Londons zu beantworten: "Müssen wir künftig alle französisch sprechen?" Sein Parlamentskollege aus den Midlands hatte es schon schwerer, die Sorge eines Wählers vor einer Invasion billiger sizilianischer Arbeitskräfte zu zerstreuen. Die latente Fremdenfeindlichkeit der Wählerschaft, der Argwohn der Inselbewohner gegenüber allem Ausländischen, ist überall zu spüren. Die Abgeordneten in Westminster rätseln vergeblich, ob die Ablehnung des EWG-Beitritts stärker von antifranzösischen oder mehr von antideutschen Gefühlen motiviert wird.