Noch vor fünf Jahren war der Name Georg von Holtzbrinck nur für Insider der Buch- und Zeitungsbranche ein Begriff. In letzter Zeit aber hat sich die Öffentlichkeit daran gewöhnt, in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen von ihm zu hören, meist im Zusammenhang mit dem Kauf von neuen Verlagsfirmen.

Der 62jährige von Holtzbrinck, Sohn eines Gutsbesitzers aus der westfälischen Gemeinde Waldbauer, herrscht heute über eine Gruppe von rund 30 Buch-, Zeitungs- und Druckerei-Unternehmen, die er etwa zur Hälfte ganz, zur anderen Hälfte teilweise besitzt. Seine jüngste Erwerbung ist eine 26prozentige Beteiligung am Reinbeker Rowohlt-Verlag mit Folgebeteiligungen am Rowohlt-Taschenbuch-Verlag und der Druckerei Clausen & Bosse. Kaufpreis: sechs Millionen Mark.

Wie viele andere Verleger hat auch Georg von Holtzbrinck seinen Konzern erst nach dem Kriege aufgebaut, jedoch im Gegensatz zu den meisten seiner Kollegen in aller Stille. Erst 1963, als er Anteile des traditionsreichen S. Fischer Verlages erwarb, tauchte sein Name vorübergehend groß in der Presse auf. Aber es wurde schnell wieder ruhig um ihn. Das Munziger-Archiv, eine Loseblattsammlung mit Porträts namhafter Leute, nahm ihn erst 1966 mit ganzen 29 Zeilen auf.

Ohne Schlagzeilen und im Schatten der öffentlichen Konzentrations-Diskussion ist in diesen Jahren in Stuttgart der – nach Bertelsmann – zweitgrößte Buchkonzern der Bundesrepublik entstanden, dessen Basis – ebenso wie bei Bertelsmann – die Buchgemeinschaften bilden. In den Unternehmen sind zur Zeit etwa 3000 Menschen beschäftigt. Der Gesamtumsatz wird offiziell mit 286 Millionen angegeben.

In dieser Summe sind freilich voll die Umsätze jener Firmen enthalten, an denen Georg von Holtzbrinck nur prozentual beteiligt ist: Deutsche Zeitung Christ und Welt GmbH mit neun Millionen (Anteil: 50 Prozent), Handelsblatt GmbH mit 26 Millionen (66 Prozent), Saarbrücker Zeitung Verlag und Druckerei GmbH mit rund 50 Millionen (49 Prozent), die holländische Buchgemeinschaft Aeropagus N. V. mit 20 Millionen (22 Prozent), die Buchverlage Droemer Knaur mit 25 Millionen (46 Prozent; eine Option auf weitere fünf Prozent soll im Vertrag vorgesehen sein) und Rowohlt einschließlich Töchtern mit 36 Millionen (26 Prozent).

Rechnet man der Gruppe diese Umsätze jeweils nur in der Höhe ihrer Beteiligung zu, so reduzieren sich die 286 auf rund 210 Millionen, in denen zudem noch einige, wenn auch nicht sehr hohe Binnenumsätze (etwa der Fischer Bücherei mit der Hanseatischen Druckanstalt) enthalten sind. In der Rangliste der großen deutschen Medien-Konzerne Springer, Bertelsmann, Gruner + Jahr, Burda und Bauer, die alle zwischen einer halben und 1,2 Milliarden umsetzen, steht die Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck also am unteren Ende, vermutlich jedoch noch vor dem Hamburger Jahreszeiten-Verlag, dessen Umsatz zuletzt mit über 150 Millionen angegeben wurde.

Konzernchef von Holtzbrinck, der keiner politischen Partei nahesteht ("Ich würde mich nie festlegen") und sich – wenn überhaupt – der Mitte zurechnet, entdecktte und entwickelte seine kaufmännischen Fähigkeiten in wirtschaftlich schwierigen Zeiten, zum erstenmal im Krisenjahr 1930. In den drei Monaten zwischen Sommer- und Wintersemester ging Jurastudent von Holtzbrinck von Tür zu Tür und verkaufte Bücher der "Bibliothek der Unterhaltung und des Wissens", die in der Stuttgarter Union Deutsche Verlagsgesellschaft erschien und eine Vorform der heutigen Buchgemeinschaften bildete. Dabei verdiente er stolze 4000 Reichsmark. Wenig später hängte er dann sein Studium an den Nagel, wurde Werbeleiter und kurz darauf Vorstandsmitglied des schwäbischen Verlags. Als das Unternehmen 1937 aufgelöst wurde, übernahm er die "Bibliothek" in eigene Regie.