Seit General Kurt von Tippeiskirch 1951 einen ersten Überblick über den deutsch-sowjetischen Krieg wagte, ist zwar eine stattliche Reihe von Darstellungen aus deutscher, sowjetischer und auch aus westlicher Perspektive erschienen – neben einer kaum noch zu überschauenden Menge vonmilitärischen Einzelstudien verschiedenster Qualität und von Einzelstudien und Erlebnisberichten. Jedoch wurde dabei stets die eine oder andere Seite "unterbelichtet", woran nicht zuletzt die Sprachschwierigkeiten schuld waren. Eine Zäsur in dieser so unbefriedigenden Historiographie setzt nun ein britischer Militärhistoriker:

Albert Seaton: "The Russo-German War 1941–45"; Arthur Barker Ltd, London 1971; 628 S., £ 5,00.

Der Autor brachte für das Gelingen der selbstgestellten Aufgabe gute Voraussetzungen mit: Dank seiner Sprachkenntnisse konnte er die deutsche, die russische und die westliche Literatur in gleichem Maße auswerten, und als britischem Militärexperten öffneten sich ihm die Türen zu vielen wichtigen, überlebenden, erstrangigen Zeugen. Für die deutsche Seite konnte er sich – ungeachtet solcher Zeugen – auf die großen Quelleneditionen (Kriegstagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht, Halders Tagebuch, Führerlagebesprechungen) stützen – und auf die vielen, im Militärarchiv in Freiburg i. Br. lagernden Akten der Heeresgruppen, Armeen und Korps; für die sowjetische Seite auf die sechsbändige "Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges", viele Monographien und – aus jüngster Zeit – die Memoiren bedeutender Heerführer.

Obwohl ein sechshundertseitiges Werk dem Leser das Äußerste an Aufnahmekraft abverlangt, hat der Autor schon beträchtlich konzentrieren müssen, denn die Weite des Kampfraumes, die Beteiligung von fünf bis zehn Millionen Soldaten in den verschiedenen Phasen des so opfervollen Ringens, die komplizierten Befehlsstrukturen beider Seiten und die Fragen des Wehr- und Rüstungspotentials (um nur einige der unumgänglichen Faktoren zu nennen) hätten eher eine noch größere Breite der Darstellung nahegelegt.

Der Verfasser entschied sich dafür, in den ersten der 34 Kapitel seines Werkes die politischen und gesamtstrategischen Aspekte der deutschen und sowjetischen Seite darzulegen (auch die Frage der Bündnispartner), im breiten Mittelteil vorrangig die Kampfhandlungen und die Führungsproblematik darzustellen, und in den letzten Kapiteln wieder stärker die politischen Momente: das Ausscheiden der kleineren Verbündeten Deutschlands, die alliierten Kriegskonferenzen.

Auf diese Weise entstand eine sehr ausgewogene Gesamtdarstellung. Seaton müht sich um Gerechtigkeit, wenn er auf beiden Seiten die Leistungen, das Versagen, die Konflikte im eigenen Lager beschreibt. Wird die deutsche Seite im Ganzen etwas differenzierter behandelt, so liegt dies zweifellos an der sehr unterschiedlichen Quellendichte. Obwohl die sowjetische Seite publikationsfreudiger geworden ist, bleibt noch sehr vieles offen.

Gewiß läßt auch Seaton einige Wünsche unerfüllt. Hätte er Hitlers Konzeption des rassenideologischen Vernichtungskrieges und dessen Konsequenzen für den Kriegsverlauf und den Partisanenkrieg stärker hervorgehoben, würde das "Unternehmen Barbarossa" noch problematischer erscheinen. Hätte er aufgezeigt, wie sehr es für Hitlers weit über Europa hinausgreifende Strategie darauf ankam, die Sowjetunion innerhalb weniger Monate niederzuwerfen, würde der Leser zu einem relativ frühen Zeitpunkt erkennen, was es bedeutete, daß der Ostfeldzug nicht "programmgemäß" ablief. Schließlich hätte Seaton erwähnen sollen, wie verschieden die Westalliierten den Faktor Sowjetunion im Verlauf der vier Jahre Ostkrieg beurteilt haben, denn diese Beurteilung war wesentlich für die Nachkriegsplanung und die Situation von 1945.