Von Manfred Sack

Das "drohende Gespenst der Wiederherstellung", vor dem Werkbund-Mitglieder noch Anfang der fünfziger Jahre gewarnt hatten, ist niemals ernstlich erschreckt, geschweige denn verjagt worden, es hat sich statt dessen geduldig materialisiert: Der Reichstag in Berlin, mit seinen sechs Portikus-Säulen im Westen, mit den vier Säulen der Kaiserauffahrt am östlichen Portal schon halb auf Ostberliner Boden, also wirklich "hart an der Mauer" gelegen, 85 Meter vom Brandenburger Tor entfernt und Endstation der Omnibuslinie 69, steht wieder. Von Kleinigkeiten abgesehen, ist der monumentale Bau von 137 mal 103 Metern Umfang jetzt im Innern vollendet.

Sein Herzstück, der Plenarsaal, um den der Architekt Professor Paul Baumgarten jahrelang hatte herumbauen müssen, ist zuletzt fertig geworden. Zur Zeit ist er mit leichten Stahlrohrstühlen auffallend unerheblich möbliert, aber er könnte im Nu dazu hergerichtet werden, wozu er gedacht war, zum Parlamentssaal.

Indessen denkt niemand daran, das alsbald zu tun. Seit von der demonstrativen Präsenz des Bundestages in Berlin nicht mehr die Rede ist, seit um Berlin und um das Verhältnis von Bundesrepublik und DDR verhandelt wird, seitdem erregt der Reichstag kein Pathos mehr und keine Resignation, sondern eher Überdruß: Keiner will ihn mehr haben.

Ein merkwürdiges Ereignis der Architektur: Ein Haus, das mit historischem Feingefühl, mit viel Geld (wenn auch nur für 105 statt für 128 Millionen Mark), mit der Akribie rundum zusammengetrommelter Steinmetzkünstler, auch unter allerhand Debakeln, Zweifeln, Ermunterungen errichtet worden ist, hat mit seiner Vollendung auch den höchsten Grad an Lästigkeit erreicht. Denn der Reichstag ist das spekulative Produkt einer Politik, die eine andere Richtung genommen hat als vorgesehen, und deshalb ist er überflüssig geworden: Schicksal einer "auf Verdacht" realisierten Symbol-Architektur. Man kann den Jammer des Architekten verstehen, der weiß, daß ein nicht genutztes Haus verkommt.

Das Gebäude liegt, städtebaulich sehr ungünstig, in der Nordostecke des Tiergartens am weiten, gut fünf Hektar großen Platz der Republik, auf dem in Blockadezeiten der Regierende Bürgermeister Ernst Reuter vor Hunderttausenden noch "die Völker der Welt" für das erpreßte "Volk von Berlin" herbeizurufen vermochte, auf dem heute dünner Rasen gedeiht und Parkplätze betoniert werden. Es ist, als ob das Monument hinten gegen die Ödnis verbreitende "Mauer" gedrängt würde.