führt. Mit düsterer Logik enthüllt Macdonald die (a)moralische Infrastruktur des feinen Lebens, stellt er Kausalbeziehungen zwischen Geldaristokratie und erbärmlichen kriminellen Existenzen her. Macdonalds Privatdetektiv ist in seiner pessimistischen Einstellung zu dem Sozialwesen Mensch Chandlers Protagonisten Philip Marlowe ähnlich. Archer reflektiert seine negativen moralischen Erfahrungen mit unterkühltem Sarkasmus, der aber mehr zur Melancholie als zur Rechthaberei tendiert: Der Mensch ist nicht gut, nur kann er dafür nicht immer verantwortlich gemacht werden. Alle Romane Macdonalds (Pseudonym für Kenneth Millar) sind auf dieses Schema fixiert, aber die intelligente Konstruktion, die Kunst der Charakterisierung und die verbale Treffsicherheit sorgen immer wieder dafür, daß man Lew Archer treu bleibt. Wer ihn gerade erst entdeckt hat, findet im rororo-thriller-Programm acht weitere Titel und einen ("Durchgebrannt") bei Diogenes. (Aus dem Amerikanischen von Günter Eichel; Diogenes Verlag, Zürich; 338 S., 19,80 DM) Egbert Hoehl

"Alfred Andersch", von Livia Z. Wittmann. Walter Jens in Tübingen habe die Arbeit sachkundig betreut, sagt die Verfasserin im Vorwort. Zwei weitere Professoren und noch zwei Doktoren haben das Manuskript verbessert. Zu den Druckkosten haben die Alexander-von-Humboldt-Stiftung und die Monash University in Melbourne beigetragen. Und Livia Z. Wittmann, die Literaturdozentin, hat fleißig Andersch gelesen. Sie weist nach, daß Alfred Andersch heute einen anderen Ton am Leibe hat als in der ersten Nachkriegszeit. Sie hat auch einige bedenkenswerte Tatsachen herausgefunden. Sie zitiert zum Beispiel, was der Rowohlt-Lektor Marek, der Bestseller-Produzent Ceram, als Verlagsgutachter meinte: "Wir werden von Anderseits Buch ‚Die Kirschen der Freiheit‘ nicht mehr als 70 Exemplare verkaufen." Sie wird auch die politische Biographie des Forschungsgegenstands korrekt entziffert haben. Und sie geht umsichtig, nicht ohne Strenge vor, sie trennt Geglücktes von Mißratenem. Nur: diese gnadenlose Philologenklaue! Sie muß empfindlichere Interessenten verscheuchen. "Die unterscheidenden Merkmale bezeugen der zeitlich früheren Flucht ins Private die entscheidendere Auswirkung." Oder: "Die Entdämonisierung der Türme läuft parallel mit der Verwirklichung von Gregors Vorhaben." (Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart; 148 S., 17,80 DM)

Christa Rotzoll

"Bayerisches Lesebuch", Geschichten, Szenen und Gedichte aus fünf Jahrhunderten, herausgegeben von Gerald Deckart und Günther Kampfhammer. Das Bayerische ist nicht nur ein Dialekt, in dem Witze über den Hinterhuber Xaver erzählt werden. Man stelle sich ein "sächsisches Lesebuch" vor, und der Unterschied wird deutlich. Es gibt eine differenzierte bayerische Sprach- und Literaturlandschaft, von Aventin bis Marieluise Fleißer, die mehr umgreift als Mundartdichtung. Auch der Dialekt dient nicht nur zum Derblecka, er ist zuständig fürs Gmüat, fürs Gfui, für die Liab und fürs Spui mit Suibn wie bei Ringseis, dem bayerischen Gegenstück zu Artmann. Es gibt Autoren wie Britting und Roth, die Hochdeutsch schreiben und doch mit jedem Satz verraten, woher sie sind, und es gibt das Heer der Zugereisten, der Nordlichter, der Schwabinger, an denen das Bayerische auch nicht spurlos vorübergegangen ist. Dieses Buch, ein Querschnitt von der Renaissance bis zur Gegenwart, in dem von Thoma bis Martin Sperr kaum einer vergessen wurde, kann nur ein Buch der großen Andeutungen sein, denn an lebendigen, lesbaren Texten ist kein Ende. Schwieriger wird es werden, wenn die Reihe "Literaturlandschaften deutscher Sprache", zu der dieser Band den Auftakt bildet, ausgeweitet werden soll. Dann werden Bedenken wach werden, die in diesem: Lesebuch Graf Pocci, Karl Valentin, Morgenstern, Feuchtwanger, Graf und Brecht allein durch ihre leibhaftige Anwesenheit besiegen. (R. Piper & Co Verlag, München; 453 S., 24,– DM)

Martin Gregor-Dellin