Von Otto F. Beer

Noch nie ist Wien so schmutzig in seine Festwochen gegangen wie dieses Jahr. Der U-Bahn-Wurm, in deutschen Städten ein wohlbekanntes Ungeheuer, wühlt sich nun auch zwischen Karlsplatz und Stephansdom durch, unterirdisch zwar, aber für die Wiener oberirdisch genug. Bevor die Stadt mit der "Schönen blauen Donau" auf dem Rathausplatz das Festival eintanzen ließ, hatte sie allerdings "Festwochenputz" angeordnet. Sehen wir uns also dieses Festival, das mit über tausend Veranstaltungen bis weit in die Vorstädte reicht, von innen her an.

Schon das Halbzeitergebnis zeigt, daß die Ausweitung ins Mammuthafte auf Kosten der Qualität geht. Gut und gern drei Großveranstaltungen ließen sich, über ein ganzes Jahr verteilt, aus diesem Kuchen schneiden: das Musikfest, das Theaterfestival im Haus an der Wien und das auf Raritäten und Experimente abgestellte Rencontre im Museum des XX. Jahrhunderts.

Ungewohnt problemlos geht diesmal das von der Konzerthausgesellschaft programmierte Musikfest vonstatten. Für den im Routinebetrieb zu kurz kommenden Schubert soll eine Lanze gebrochen (dabei auch seine Oper "Sakuntala" uraufgeführt) werden, Brahms kommt in Gala-Aufführungen dran, und erst ganz am Ende gelangt die Gegenwart zum Zug. Da will Boulez eine Art Generalprobe für das Konzertmodell abhalten, das er nächste Saison in New York realisieren wird: eine Einführung in die neuen Werke voran, dann die Musik selber und hinterher die Diskussion mit dem Publikum. Berio dirigiert Berio, Penderecki wird-die beiden Hälften seiner Slawischen Messe erstmals geschlossen an einem Abend vorzeigen – dies freilich erst zum Festwochen-Kehraus.

"Theater der offenen Form" heißt das Motto, unter das der Festwochen-Intendant Ulrich Baumgartner sein Programm gestellt hat. Darunter kann man sich alles Mögliche vorstellen, und man muß es auch, denn etliche dieser Veranstaltungen haben mit dem Etikett herzlich wenig zu tun.

Paßt Maurice Béjart mit seinem "Ballett des 20. Jahrhunderts" besser unter diesen alten Hut? Er bot einen grandiosen Abend – leider nicht, wie geplant, in Wiens moderner Stadthalle, sondern im Theater an der Wien, dem klassischen Fidelio-Haus – und mitten drin eine Uraufführung. Nach Debussys Vertonung der "Fleurs du Mal" hatte er eine Choreographie geschaffen voll jener Erotik, ohne die es bei ihm nie abgeht, Begegnungen von Paaren im Jugendstilrahmen, sehr expressiv und edel, obgleich von der schwebenden Lyrik dieser Musik wenig tänzerische Impulse ausgehen. Er zeigte auch seine kunstvolle "Bakhti"-Choreographie, zeigte vor allem "Das choreographische Opfer", Ergebnis einer Kollektiv-Choreographie des Ensembles: Die eine Hälfte tanzte brav und klassisch die Kanons, Spiegel und Variationen von Bachs "Musikalischem Opfer", indes eine Gegenmannschaft, von einem brillanten Schlagwerker angeheizt, den modernen Kontrapunkt dazu lieferte.