Von Rudolf Hartung

In seinem neuen Buch macht sich Jean Améry einmal Gedanken darüber, wie sich der Monopolkapitalismus der westlichen Welt auch im intellektuellen Gesellschaftsspiel unserer Zeit widerspiegelt. "Der Name", so sagt er, "wird zum Gütezeichen, nach welchem man kauft. Er ist am Ende vergleichbar dem Riesenunternehmen, das alle anderen der gleichen Branche verschluckt."

Man wird nicht behaupten dürfen, daß der 1912 in Österreich geborene und seit seiner Befreiung aus dem KZ in Brüssel lebende Schriftsteller und Publizist Jean Améry auf der intellektuellen Bühne der Gegenwart einem solchen Riesenunternehmen vergleichbar sei. Leser von Zeitschriften und der ZEIT kennen seinen Namen und schätzen die Stringenz seiner Urteile, die Unbestechlichkeit seines Denkens, die brillante Schärfe und die moralische Redlichkeit seiner Sprache. Aber wie viele Menschen in Deutschland haben seine schmalen und doch so gewichtigen Bücher "Jenseits von Schuld und Sühne" und "Über das Altern" gelesen? Auch die Verleihung des diesjährigen Kritikerpreises an Jean Améry dürfte an dieser Situation kaum viel geändert haben.

Allerspätestens aber müßte sich jetzt, mit der Veröffentlichung seines dritten Buches –

Jean Améry: "Unmeisterliche Wanderjahre"; Ernst Klett Verlag, Stuttgart; 147 S., 16,50 DM

das Blatt wenden, soll die deutsche literarische Öffentlichkeit nicht an Glaubwürdigkeit einbüßen. Die Rezeption dieses Buches ist unerläßlich für jeden, der sich für die geistige Situation unserer Epoche interessiert und für den erregenden Prozeß der Auseinandersetzung eines einzelnen mit dieser Epoche. Die unverwechselbare Stimme Jean Amérys, in der sich Trauer, Zorn und Resignation eigenartig mischen, muß weites Gehör finden.

Gesehen und gedeutet wird in den "Unmeisterlichen Wanderjahren" die Epoche – und das heißt hier die Zeitspanne von etwa 1930 bis 1970 – durch die Optik der eigenen Erfahrung; die aufeinander bezogenen Essays dieses Buches sind "sowohl autobiographisch als auch zeitbiographisch". Dieser doppelten Intention ist es zuzuschreiben, daß Jean Améry weitgehend auf alles konkrete autobiographische Detail verzichtet, ja, verzichten muß: die unmittelbare Erfahrung muß unterschlagen werden, wenn das eigene Ich und Leben primär die intellektuellen und politischen Vorgänge der Epoche reflektieren soll.