Von Rolf Kunkel

Die spektakulären Ereignisse in der Fußball-Bundesliga haben die Erinnerung an ein Großereignis verdrängt: Es ist mittlerweile ein Jahr her, da sich eine ganze Nation zu mitternächtlicher Stunde vor den Fernsehapparaten versammelte und wie gebannt die Spiele der Fußballweltmeisterschaft verfolgte. Am 14. Juni 1970 spielte Deutschland in Leon gegen England, am 17. Juni in Mexico City gegen Italien. Der Gedanke an das Weltturnier stimmt versöhnlich; Fußball besteht – wie man gegenwärtig beim Studium unserer Zeitungen meinen könnte – nicht nur aus den Vokabeln Bestechung, Betrug und Schiebung. Es ist inmitten der schmutzigen Wäsche, die allenthalben eifrig gewaschen wird, geradezu wohltuend, durch die Lektüre eines Buches dem hierzulande unfreundlichen Fußball-Alltag für ein paar Stunden zu entweichen:

Martin Peters: "Mexico 70", erschienen im Verlag Cassell & Co., London; Preis: £ 1.40.

Dieses vorweg: der vielfache englische Nationalspieler schreibt, wie er spielt, nämlich unkompliziert, sachlich und phantasievoll. Es ist für mich das mit Abstand informativste Buch über das WM-Turnier und den Fußball im allgemeinen, auch wenn Peters in typisch englischer Manier stereotyp wiederholt, die beiden besten Mannschaften in Mexiko seien Brasilien und England gewesen. Sieht man von diesen Schönheitsfehlern ab, bleibt der ernsthafte Versuch einer Reproduktion der tatsächlichen Verhältnisse auf den Spielfeldern, unternommen von einem Mann, "dem so ziemlich alles widerfahren ist, was einem Fußballprofi nur passieren kann".

Die realistische Schilderung der vielen Faktoren, die das Fußballspiel in unserer Zeit zu einer hochbrisanten Angelegenheit hat werden lassen, ist beeindruckend, vor allem, wenn man dabei an die literarischen Ausflüge unserer Nationalspieler denkt, die den fatalen Beigeschmack von Familiengeschichten haben und konstant auf dem Niveau 12jähriger Schulbuben gehalten werden. Dabei argumentieren die Overath, Seeler, Müller, Beckenbauer in privaten Gesprächen um keinen Deut anders als ein Martin Peters. Fußballer, die eine gewisse Popularitäts- und Einkommensgrenze überschritten haben, sind sich ohnehin in vielem ähnlich. Jammerschade nur, daß sie, wenn sie sich schön zur Veröffentlichung ihrer mit dem Leder gesammelten Erfahrungen überreden lassen, entweder schlecht beraten oder falsch interpretiert werden.

Naturgemäß widmet Martin Peters der 2:3-Niederlage Englands bei der "Revanche von Wembley" ein eigenes Kapitel. Überschrift: Die Katastrophe von Leon: "70 Minuten lang waren die Deutschen einem Kollaps nahe. Ich habe sie aus nächster Nähe erlebt, sah die Verzweiflung in ihren Gesichtern, hörte das Schreien ihres Trainers. Niemals in meinem Leben war ich so sicher, daß wir gewinnen würden. Für mich waren sie tot, nur noch nicht begraben. Keine Mannschaft hat jemals drei Tore gegen uns erzielt, wenn wir mit zwei Treffern in Front lagen. Die Chancen standen 100:1 dagegen, daß es ausgerechnet in diesem Spiel passieren könnte."

Die Schilderung der Szenen nach Spielende passen als Kontrapunkt in unsere durch finanzielle Manipulationen vergiftete Bundesliga-Atmosphäre: "Wenn Sie jemals hören, Fußballer seien gewinnsüchtige Typen, die nur daran denken, wieviel Kapital sie aus diesem Geschäft schlagen können, dann erzählen sie, was sich in unserer Umkleidekabine ereignete. Die Erinnerung daran schmerzt noch heute. Die Kabine wirkte wie ein Katastrophengebiet. Einige weinten, andere saßen versteinert da und starrten ins Leere. Es wurde noch schlimmer, als unser Coach Alf Ramsey hereinkam, der es irgendwie fertigbrachte, zu sagen: ‚Ihr habt alles gegeben. Versucht nicht allzu traurig zu sein. Ich bin stolz auf euch.‘"

Zu der Nach-Mexiko-Ära bemerkt der Stürmerstar von Tottenham Hotspurs: "Es galt zu vergessen, aber es dauert nicht lange, bis man feststellt: Gewisse Dinge kann man einfach nicht auslöschen. Auch wenn wir die nächste Weltmeisterschaft gewinnen sollten, ich bin glücklicherweise dann noch aktiv, wird Leon 1970 immer ein Teil von mir sein. Ich muß aufpassen, damit ich mich nicht selbst zum Märtyrer mache."