Von Kurt Sontheimer

In der umfangreichen Literatur zum Thema Nationalismus lassen sich im wesentlichen drei Gattungen unterscheiden: In den historischen und politischen Wissenschaften herrschen die Untersuchungen mit beschreibend-analysierender Absicht vor. Ihnen geht es darum, Entstehung, Wandel und ideologische Ausgestaltung der verschiedenen nationalen Bewegungen zu untersuchen. Auch wissenschaftliche Studien sind selten ganz frei von apologetischen oder anklagenden Untertönen, die im rein politischen Schrifttum jeweils zur Dominante werden. Apologetischer Natur war beispielsweise Eugen Gerstenmaiers vor Jahren erschienene Aufsatzsammlung "Neuer Nationalismus in der er einem "gesunden" deutschen Nationalbewußtsein das Wort zu reden und dieses Nationalbewußtsein gegenüber einer nach seiner Auffassung unangemessenen Kritik abzuschirmen. SolcheKritik, die den Nationalismus anklagt und ihn als einen Irrweg der Geschichte, wenn nicht Sogar als Anschlag gegen die Humanität begreift, ist verständlicherweise gerade in Deutschland nicht wenig Verbreitet, da bei uns der Nationalismus in Barbarei umschlug.

Alle hier anzuzeigenden Bücher lassen sich jedoch nicht in diese beiden letzten Kategorien einordnen. Sie gehören vielmehr der ersten Gattung zu, in der Nationalismus weder gerechtfertigt noch denunziert, vielmehr als ein historisches Phänomen verstanden und in seiner politischen Funktion analysiert werden soll. Es ist wohl eher zufällig, daß fast gleichzeitig zwei bereits vor Jahren erschienene englische Darstellungen des Nationalismus in wissenschaftlichen Reihen deutscher Verlage veröffentlicht werden:

Elie Kedourie: "Nationalismus"; in: "List Taschenbücher der Wissenschaft, Politik", Band 1553; List Verlag, München 1971; 159 S., 4,80 DM.

Kenneth R. Minogue: "Nationalismus"; in: "Sammlung Dialog", 41; Nymphenburger Verlagshandlung, München 1970; 201 S., kt. 16,80 DM, Ln. 22,– DM.

Kedourie, Professor für Politik an der London School of Economics, verfolgt mit seinem Buch zwei Ziele: Er will erstens darstellen, aus welchen geistigen Elementen sich die Doktrin des Nationalismus zusammensetzt, und er will zweitens zeigen, wie diese Doktrin die europäische Politik und ihren Stil verändert hat. Die nationalistische Doktrin besagt, daß sich die Menschheit einem Naturgesetz entsprechend in Nationen gliedert und daß sich die Nationen nach bestimmten, objektiv faßbaren Merkmalen unterscheiden, so daß die einzig rechtmäßige Regierungform auf einer nationalstaatlichen Ordnung beruht. Der Nationalismus ist noch heute eine herrschende Doktrin, die sich von Europa aus auf die ganze Welt ausgebreitet hat. Durch ihn wurde dem Begriff der Nation eine Bedeutung, ein Gefühlswert beigelegt, wie das bis gegen Ende des 18. Jahrhunderts undenkbar gewesen wäre.

Kedourie bemüht sich, im einzelnen zu zeigen, daß sich die nationalistische Doktrin aus Verhältnissen entwickelte, die längst nicht mehr existieren, und aus ideologischen Einstellungen hervorwuchs, die nach seiner Auffassung heute nur mehr theoretisches Interesse haben. Er kommt zu dem Schluß, daß der Nationalismus weder imstande sei, in befriedigender Weise die politische Entwicklung unserer Vergangenheit zu erklären, noch sei er in der Lage, einleuchtende Grundsätze aufzustellen, nach denen Nationen voneinander abzugrenzen sind. Die Welt sei viel zu verschiedenartig, um sich den Klassifizierungen der nationalistischen Anthropologie zu fügen. Es gäbe keinen überzeugenden Beweis für die These, daß Menschen der gleichen Sprache oder der gleichen Rasse notwendigerweise unter einer eigenen Regierung leben sollten.