Von Wolfram Siebeck

Die mutige Selbstbezichtigung des Präsidenten der Offenbacher Kickers hat Schule gemacht. In allen Teilen des Landes bekennen jetzt Präsidenten und Förderer von Fußball vereinen: "Wir haben bestochen!" Diese Männer proben nicht den Aufstand gegen das Recht, sondern sie protestieren damit gegen einen veralteten Sportgeist.

Jährlich treiben in der Bundesrepublik Tausende den Fußball über den Rasen. Millionen schauen dabei zu und erregen sich bis zum Herzversagen, weil der Ausgang der Spiele ungewiß ist. "Es ist entwürdigend, einem zufällig hin. und her fliegenden Lederball den Ausgang eines Bundesligaspiels zu überlassen", beklagt sich Detlev Schreiber, Präsident der Widdersberger Bolzer, und ist stolz darauf, in der vergangenen Spielzeit 14 Torwarte bestochen zu haben.

Und der Worpsweder Klaus Pinkus bekennt: "Ich kann zwar nicht unterschreiben, daß ich bestochen habe, aber wenn ich einen Verein hätte, würde ich es bedenkenlos tun!"

Keiner von uns, der die bewegenden Geständnisse dieser Männer nicht mit Genugtuung läse. Es ist in der Tat höchste Zeit, den Fußball vom fatalen Nimbus der Sportlichkeit zu befreien. Sie widerspricht der natürlichen Erwartung jedes Zuschauers auf den Sieg seiner Favoriten.

Wer ins Theater geht, in den "Hamlet" zum Beispiel, der will sehen, wie Ophelia überschnappt, und er wird es sehen. Man stelle sich aber vor, auch dort führte der Zufall Regie: Hamlet schnappt über, sein Onkel bringt Mutter Gertrude um und heiratet Ophelia ... Chaotische Zustände, wie wir sie bisher nur vom Fußballplatz kennen, wären die Folge ("Intendant von aufgebrachten Fans verprügelt").

Nein, wenn ich meinen Ortsverein spielen sehe, will ich ihn auch siegen sehen. Das ist wohl der natürlichste Wunsch der Welt. Die Wunscherfüllung aber war bisher Millionen von frustrierten Zuschauern durch überholte Sportlichkeit verbaut. Deshalb sind wir den Männern zu Dank verpflichtet, die bestochen haben, um den Spielverlauf in eine natürliche Bahn zu lenken.