Auch die Hippies und ihre Abkömmlinge konnten auf moralische Aufrüster nicht verzichten, und sie holten sich den Zuspruch von weit her. Was uns exotisch anmutet, flower power, die Macht der Blumen, speist sich tatsächlich nicht zuletzt aus Fremdländischem. Okzidentaler Regsamkeit überdrüssig, wandten sich die Blumenkinder einer Kultur zu, der indischen, die ihnen über Zeit- und Leistungsdruck erhaben schien.

Heute ist der Sitar-Spieler Ravi Shankar in der jüngeren Generation mindestens so gefragt wie David Oistrach und beinahe so wie Mick Jagger. Die Flucht vor der heimischen Realität in die Orientreise, in den Trip – welcher Art auch immer –, führt natürlich ins Illusionäre, ins Mißverständnis der mit dem Schein des Vertrauten verklärten fremden Kunst.

Allein wer nicht weiß-oder gar empfindet, weshalb ein indischer Morgen-Raga keinesfalls am Abend, ein Abend-Raga nicht am Morgen zu spielen, ist – und welchem Europäer ist das schon bewußt –, dem bleibt Wesentliches dieser Musik verschlossen. Aber Puristenhochmut ist hier nicht am Platz. Denn wir alle, deren Ohren ohne Unterlaß Musik von Schütz, Beethoven und Mahler inhalieren, auch wir fliehen in eine Exotik, in die des Historischen. Und wir liefern uns und die alte, ihrem kültursoziologischen Zusammenhang entzogene Musik ebenfalls gravierenden Mißverständnissen aus. Andererseits hat die indische Musik im rein Musikalischen auch uns wahrnehmbare Eigenschaften, die der Mentalität ihrer abendländischen Jünger entsprechen.

Aller exotischen Musik – Beispiele erklangen jetzt in einer Berliner "Woche außereuropäischer Musik" – fehlt eine Harmonik, eine akkordische Mehrstimmigkeit, wie wir sie kennen. Daher hat sie nicht die harmonischen Spannungen und Entspannungen, die für uns die Struktur der Musik, das, heißt aber vor allem unsere Empfindung ihres zeitlichen Ablaufs bestimmen.

In Indien ist der Musik statt dessen ein einziger Basis.-Ton ("Bordun") unterlegt, der permanent erklingt. Er ruft im Hörer ein gänzlich anderes, eher statisches, bisweilen allerdings auch ins Ekstatische umschlagendes Zeitgefühl hervor. Diese Musik ist wahrlich keine Musik des Zeitdrucks, Ein Raga (melodisches Stück) kann Stunden dauern, Zeit steht anscheinend unbegrenzt zur Verfügung; die Pression, sie möglichst ökonomisch zu füllen, entfällt und mit ihr auch der Leistungsdruck.

Als die Beatles begannen, ihre Musik mit den Bordunklängen der Sitar-Laute zu grundieren, schufen sie unseren weitestverbreiteten musikalischen Seligmacher, einen Schwebesound, der im Ursprungsland die Meditation fördert, bei uns meist nur den Wahn. Die Popularität der Beatles wiederum steigerte hierzulande den Konsum der indischen und der übrigen außereuropäischen Musik erheblich.

Übrigens war Europa schon einmal von einer Bordunwelle überschwemmt, vor rund einem Jahrtausend. Damals machte die musikhistorische Situation am Grenzübergang von der Einstimmigkeit in die Mehrstimmigkeit den Okzident für das Bordunprinzip empfänglich, liegt es doch als musikalisches Phänomen fast genau zwischen Ein- und Mehrstimmigkeit. Von den sakralen Organa in Notre Dame bis zu höfischen Bardengesängen, überall war zu hören, was heute die Weltanschauung der geschlossenen Augen fundiert. Als dann die Mehrstimmigkeit etabliert war, sank die Bordunmusik in die Folklore ab. Dudelsack und Maultrommel sind noch in unseren Tagen ihre europäischen Instrumente,