Frankfurt

Frankfurts Oberbürgermeister Walter Möller schrieb einen Brief. Kernsätze: "Lassen Sie uns ... nicht länger auf die Lösung der schwierigen Verhandlungspositionen: anderer Instanzen warten. Lassen Sie uns als Städte dem einfachen Wunsch unserer Bürger nach gegenseitiger Verständigung entsprechen. Lassen Sie uns handeln."

Es war der 20. April 1971, und der dem linken Flügel seiner Partei angehörende Sozialdemokrat übergab das Schreiben – freilich erst, nachdem es Frankfurts Stadtverordnetenvorsteher Reiss gegengezeichnet hatte – der Post. Der Möller-Brief richtete sich an die "sehr geehrten Damen und Herren des Rats der Stadt Leipzig", betraf die Anregung einer Städtepartnerschaft und sollte nach dem Willen des Absenders ein bahnbrechendes Novum bewerkstelligen: die Verbindung zweier "großer deutscher Wirtschaftsmetropolen mit starken Wachstumstendenzen sowie einer reichen und für die deutsche Geschichte bedeutsamen Tradition".

Doch Möller, ein besonders exponierter Verfechter der sozial-liberalen Deutschland- und Ostpolitik, scheiterte wie eine Reihe gutwilliger bundesdeutscher Ortsoberhäupter zuvor. Seine Bitte "um wohlwollende Prüfung und positive Entscheidung" des offiziellen Angebots ließ die Damen und Herren in Leipzig kalt. Mehr noch, sie fanden es nicht einmal nötig, den Brief zu beantworten.

Was sie von der Initiative hielten, verriet einen Monat später der Vizepräsident des Städte- und Gemeindetages der DDR, Walter Weidauer, im Neuen Deutschland. "Liebenswürdige Briefe zur Kontaktaufnahme" wies der Funktionär unter deutlicher Anspielung auf die Offerte aus Frankfurt so lange zurück, wie eine Grundvoraussetzung nicht erfüllt sei: die völkerrechtliche Anerkennung der DDR durch Bonn. "Es ist sinnlos, durch Städtepartnerschaften den Eindruck zu erwecken", echote wenig später die Kreisdelegierten-Konferenz der Frankfurter DKP, "als ob alles in Ordnung sei, während die Beziehungen tatsächlich durch die Schuld der Bundesregierung äußerst gespannt sind".

Vielleicht wäre das Unternehmen Leipzig nach solch herber Reaktion wortlos zu den Akten gelegt worden, hätte die Absage aus Ostberlin nicht erst weithin publik gemacht, daß der Frankfurter Brief ein angeblich, ziemlich geheimer war – der Alleingang Möllers, der sich lediglich beim Genossen Reiss abgesichert hatte, um sich – wie die Christdemokraten argwöhnten – über ihn wenigstens formell die Mitwirkung des Stadtparlaments zu sichern. Als feststand, daß der agile OB mit seinem Versuch offenkundig eine Bruchlandung quittieren mußte, gingen ungeachtet einer Mitteilung des Presse- und Informationsamtes, aus der die Öffentlichkeit bereits am 21. April über den Vorgang unterrichtet worden war, häßliche Bewertungen um – vom Vorhalt der "Geheimdiplomatie" bis hin zur Kritik an "Möllers eigener Ostpolitik" (FAZ). Das Frankfurter Stadtoberhaupt, höhnte am vergangenen Wochenende die Welt, habe nichts unversucht gelassen, um der Deutschland- und Ostpolitik Brandts "ein kommunales Fundament zu betonieren, auf dem flinke Schrittchen zur Anerkennung des Ulbricht-Staates gewagt werden könnten".

Als Leipzig den Flirt mit Nichtachtung strafte, hatte Möller in den Augen eines Teils der Öffentlichkeit alles falsch gemacht. Selbst die zuvor respektierte Geheimhaltung des Textes, um dem Adressaten nicht nur einen Abklatsch dessen anzubieten, was in Frankfurt die Spatzen bereits von den Dächern pfiffen, erschien nun unvermittelt im Zwielicht. Die Frankfurter Allgemeine sprach vom "geheimnisvollen Dokument", das sich beispielsweise der CDU-Bürgermeister Wilhelm Fay, Stellvertreter des zwischenzeitlich von einem schweren Herzinfarkt befallenen OB, erst habe "besorgen" müssen.