Von Wolfgang Boller

Die Liebe zu Sylt hört nimmer auf; wenn sie auch von Jahr zu Jahr härteren Proben ausgesetzt wird. Wer die Insel liebt, ist ihr verfallen und wird immer noch genügend Gründe finden, sich selbst zu beschwichtigen oder zu betrügen. Sylt ist ein Eiland vermeintlich unwandelbarer Glückseligkeiten. Das blonde Syltmädchen im Zug nach Westerland hat das Geheimnis der Anziehung erkannt. Sie redet, wie sie’s versteht: "Man geht nach Sylt, weil man sich dort trifft."

Man trifft sich auf Sylt. Das hat sich nicht geändert. Die Insel hat ihre hintergründige soziologische Geographie. Nach Westerland gehen die Pärchen, die verlobten und die verliebten, auch alle, die’s nicht besser wissen, die Pauschaltouristen im ersten Jahr, die, von Sylt zurück, zu Hause erzählen: "Wir waren auf Westerland." Familien bevorzugen Wenningstedt, ältere Leute, auch Sparsame zieht es nach Hörnum und List. Rantum und Keitum sind von verprellten Ferienbürgern geradezu zwangsläufig entdeckt worden. Und Kampen? Inselwerbechef Peter Schnittgard: "Kampen braucht nicht erklärt zu werden."

Kampen war und ist eine Insel auf der Insel, das Dorf der Künstler und der reichen Leute. Residenz Schröders und Springers. Das ist ein Friesendorf von rustikalem Chic und raffiniertem Luxus, ein Star mit Zipfelmütze. In Kampens weltberühmten Diskotheken mit ihren weitberühmten Preisen kann einer sich auch mit deponierter Whiskyflasche (zu 80. oder 85 Mark) in den Ferien nicht zuverlässig Eintritt und Stammplatz sichern. Ein Reicher, so wird kolportiert, habe versucht, unbemerkt auf allen Vieren einzutreten. Ertappt, habe er mit einem Hundertmarkschein gewunken. Was sind schon hundert Mark im Sylter Ferienwunder?

Der Sylter Preisauftrieb ist sich vor allem treu geblieben. Nichts ist den Inselbewohnern mit ihrer kennzeichnenden geschichtlichen Vergangenheit verächtlicher als Humorlosigkeit und Insolvenzen. Daher etwa verrät der ungemein vergnügte Kellner in Westerlands Nachtlokal "Ex" nicht den Bierpreis ("Sonst schmeckt’s nicht mehr") und kassiert hernach unter Heiterkeitsausbrüchen sieben Mark für zwei Fläschchen. Und die Schallplattenmusik spielt dazu. Vier oder fünf Mark muß man für ein kleines Getränk an der Bar allemal anlegen.Ein Flasche Phantasienamenwein im Tanzpalast "Lido" ist an diesem Nabel der Welt mit 25 Mark wahrlich nicht zu teuer bezahlt.

Im neueröffneten Hotel "Wolfshof" (kleines Schwimmbecken, Sauna) in Keitum kosten in der Hauptsaison Übernachtung und Frühstück im Einbettzimmer (mit Dusche) 52 Mark. Pensionspreis in den Hotels von Westerland: von 36 (Hotel "Belvedere") bis 104 Mark pro Tag (Hotel "Roth"); in Kampen: von 34 bis 90 Mark ("Rungholt"). In Westerland zahlt man 49 Mark Kurabgabe ("... ist eine Bringschuld"). Kurtaxe in Kampen und Wenningstedt 32 Mark (erste Person einer Familie). Hörnum kassiert für 14 Tage, Rantum für 20 Tage 22 Mark. Strandkörbe kosten täglich 4 bis 4,50 Mark. Die Preise für Kur und Bäder sind von der vorigen zu dieser Saison wieder um etwa zehn Prozent gestiegen. Insolvenzen sind verächtlich.

Doch es gibt auch Privatunterkünfte für zwölf Mark einschließlich Frühstück und Apartments zum Preis von 40 bis 50 Mark pro Tag. Die Eigentumswohnungen sind Segen und Fluch. Das ständig zunehmende Mietangebot drückt Preise der Hotels und Pensionen. Aber am feinen, verteerten Sandstrand wachsen die Betonklötze in den blitzblanken Himmel. Langjährige Syltbesucher nennen Westerland eine Steinwüste. Sie reden, wie sie’s verstehen: "Die Insel verliert ihre Urtümlichkeit und ihren Charme." Die vielen Menschen, die außer ihnen herkommen, seien schuld daran, die mörderischen Autos, die hektische Bauerei, der Boom.