Zum erstenmal seit 1968, als blutige Unruhen die Olympischen Spiele scheitern zu lassen drohten, kam es in der vergangenen Woche in Mexiko wieder zu Zusammenstößen. Bei einer Straßenschlacht in der Hauptstadt wurden sechs demonstrierende Studenten getötet und an die 250 verletzt, darunter etwa 35 schwer. Über den Hergang liegen widersprüchliche Aussagen vor.

Die Regierung behauptet, ein Zug vom ungefähr 15 000 linksgerichteten Studenten – ihr Protest richtete sich gegen das Organisationsgesetz für die Landesuniversität von Nuevo Leon – sei mit rechtsgerichteten Studenten zusammengestoßen. Als Schüsse fielen, habe die Polizei eingegriffen.

Nach Augenzeugenberichten versuchte dagegen uniformierte Polizei, den Zug mit Tränengas aufzulösen. Unmittelbar danach seien Zivilisten auf staatseigenen Lastwagen herangefahren, abgesprungen und mit Maschinenpistolen gegen die Demonstranten vorgegangen. Da sie sich mit militärischen Diensträngen anredeten, diszipliniert nach Befehl vorgingen und jede Auskunft über ihre Personalien verweigerten, liegt der Verdacht nahe, daß es sich um Geheimpolizei gehandelt hat.

Dieser Verdacht ist begründet. Seit dem Regierungsantritt vor Präsident Luis Echeverria Alvarez im Dezember vergangenen Jahres greift die Polizei an den Universitäten hart durch. Angeblich richten sich ihre Maßnahmen gegen "kriminelle Elemente" unter der Studentenschaft; in Wirklichkeit versucht die Regierung die seit sechs Jahren unruhigen Studenten unter Kontrolle zu bringen.

Echeverria bemüht sich allerdings, das Erbe der Studentenunruhen aus dem Jahre 1968 zu liquidieren. Zwar sind von den im Herbst 1970 noch rund 160 Inhaftierten inzwischen durch Amnestie etwa zwei Drittel entlassen. worden. Zur gleichen Zeit fanden aber noch Prozesse statt, die mit Gefängnisstrafen bis zu 15 Jahren endeten. Die Studenten bestehen nachdrücklich auf Entlassung aller Verhafteten.

Der schon harte Kurs der Regierung verschärfte sich Anfang März. Ein wegen eines Bankraubes festgenommener Student gestand, einer den Sicherheitsorganen bis dahin unbekannten "Revolutionären Aktionsbewegung" (MAR) anzugehören. Sie setzt sich aus Studenten zusammen, die in Moskau studiert haben und in Nordkorea im Guerilla-Kampf geschult worden sind. Mexiko wies damals fünf sowjetische Diplomaten aus und rief seinen Botschafter aus Moskau zurück. Bis heute sind 20 führende Mitglieder der MAR festgenommen worden. Nach weiteren, namentlich bekannten Studenten wird gefahndet.

Die MAR – straff organisiert, finanziell gut ausgestattet und offenbar zwar angeschlagen, aber nicht zerstört – drohte im März mit Vergeltungsaktionen. Im Kampf gegen diese Linksbewegung hat sich besonders die rechtsgerichtete Studentenschaft hervorgetan. Ihre wohlausgerüsteten Schlägergruppen, "Falken" genannt, haben bei der Straßenschlacht in Mexiko mitgewirkt – offenbar in enger Zusammenarbeit mit der Geheimpolizei.