Von Peter Bendix

Es ist kühl im Hamburger Rathaus, kühl und still. In der Weitläufigkeit des Prachtbaus verliert sich der Betrieb von Senatskanzlei, Personalamt und Staatlicher Pressestelle. Die Fachbehörden sind längst ausquartiert. Die Bürgerschaft, das Stadtparlament, tagt alle vierzehn Tage.

Nur im Hinterhaus dieses Regierungs- und Repräsentationsgebäudes, dessen große Turmuhr mit Klingklang die Zeit anschlägt, summt und quirlt es von Geschäftigkeit. Dort – in den Rathausblock fest eingebaut – sind die Börse und die Handelskammer. Das ist Absicht. Darüber hinaus, ist es auch Tradition.

"Hier herrscht nicht der schändliche Macbeth", schrieb schon der Herr von Schnabelewopski in seinen berüchtigten Memoiren, "sondern hier herrscht Banko." Aus jedem Fenster des Hamburger Rathauses sieht man auf den ersten Blick die Deutsche oder die Dresdner oder die Commerz- oder die Vereins- oder auch die Landeszentralbank. Mit einem Wort: Das Rathaus steht im Zentrum des Interesses.

Zur Kaiserzeit, als es errichtet wurde, galt es als "das großartigste aller deutschen Rathäuser". Es entsprach genau dem damaligen Geschmack. Und immerhin hat die Liebe der Hamburger zu Traditionen einem der Großgemächer, in denen Empfänge zelebriert und Essen gegeben werden, den Namen "Kaisersaal" bewahrt, genannt nach Wilhelm II.; in der Hansestadt hält man auch der abgebrochenen Tradition die Treue.

Das Rathaus steht fast so lange, wie der jetzt zurückgetretene Erste Bürgermeister alt ist. Herbert Weichmann, 75 Jahre, gelernter Verwaltungsjurist und Betriebswirt, geborener Preuße, hatte sich zum elbischen Patriarchen entwickelt: weise, würdig, witzig. Der von ihm selbst empfohlene Nachfolger Peter Schulz wird in erster Linie stets als "energisch" bezeichnet. Er war ein alerter Anwalt, ein reformfreudiger Senator erst der Justiz, dann der Schulbehörde und schon seit einigem Zweiter Bürgermeister. Mit 41 ist er nun der jüngste Erste, den Hamburg je gehabt hat.

Was aus dem Wechsel im Amt alles folgt oder nicht folgt, bleibt abzuwarten. Die Kräfte der Tradition in dieser Hansestadt sind zäh; das Rathaus ist womöglich nicht nur ihr Symbol, sondern vielleicht auch ihre Zentrale.