Um die Jahrhundertwende, als es in Westafrika noch Menschenfresser gab, hatte ein europäischer Abenteurer einmal das Glück, gut Freund mit dem Häuptling eines Kannibalenstammes zu werden und das gebratene Stück eines getöteten feindlichen Kriegers angeboten zu bekommen. Da der Afrikareisende schon immer hatte wissen wollen, ob Menschenfleisch tatsächlich – wie er gehört hatte – wie süßliches Schweinefleisch schmecke, nahm er das Angebot an. Das Gebratene, nach anfänglichem Brechreiz auch wirklich hinuntergeschluckt, schmeckte "eigentlich ganz gut": Wie normales Kalbfleisch, so berichtete er später in einem Buch.

Wenn nun die Diskussion um den Geschmack von Menschenfleisch sicherlich von begrenztem wissenschaftlichem Wert ist, so scheint dies nicht für die Frage nach dem Nährwert von toten Kriegern zuzutreffen. Genau dieses Thema wird nämlich in der neuesten Ausgabe des angesehenen Völkerkunde-Fachblattes "American Anthropologist" von mehreren Anthropologen heftig diskutiert.

Ausgelöst wurde die Debatte von einem Beitrag der Professoren Stanley M. Garn und Walter D. Block von der Michigan-Universität in Ann Arbor; der Titel der Arbeit: "Der begrenzte Ernährungswert des Kannibalismus." Darin hatten die beiden Fachleute für "menschliches Wachstum und Entwicklung" festgestellt, daß ein Mann von 50 Kilogramm Gewicht "etwa 30 Kilo eßbare Muskelmasse hergibt, wenn er geschickt tranchiert wird". Diese Fleischmenge würde bei neunzigprozentiger Verdaulichkeit vier Kilogramm an Proteinen hergeben, errechneten Garn und Block. Da ein Mensch zur guten Ernährung pro Kilo seines Gewichtes mindestens ein Gramm "Qualitätsproteine" braucht, könnte deshalb der auseinandergenommene Mann wohl an die 60 Erwachsene von je 60 Kilo Gewicht für einen Tag ernähren.

Freilich, meinen die beiden Professoren, wäre es wohl unrealistisch anzunehmen, daß einem Kannibalenstamm jeden Tag ein eßbarer Gegner zur Verfügung steht; ein Mann pro Woche wäre da schon eher möglich. In diesem Fall gäbe es für jedes der 60 Stammesmitglieder nur mehr neun Gramm Proteine pro Tag – "noch immer eine wertvolle Ergänzung zu sonst einseitiger, zu Fehlernährung führender Getreidekost".

Schlimm wird es, wenn es das 60-Mann-Volk nicht mehr schafft, auch nur einen Menschen pro Woche zu schlachten: "Das wäre nährwertmäßig nutzlos und hätte nicht einmal als Ergänzung zu einer Getreide-Diät einen Sinn." Berücksichtigt man also den Aufwand der Aktion, schließen die Wissenschaftler ihren Aufsatz, "so kann man den Ernährungswert des Kannibalismus als fraglich bezeichnen – es sei denn, die Gruppe ist in der Lage, pro Jahr so viele Menschen zu essen wie sie selbst Mitglieder zählt". Wenn Menschenfleisch auch als Notquelle für Proteine und Kalorien angesehen werden kann, "so muß doch bezweifelt werden, ob regelmäßige Menschenfresserei je eine echte Bedeutung als Nahrungsmittel besaß".

Wie das neueste Heft des "American Anthropologist" zeigt, stimmen viele Völkerkundler mit dieser Meinung nicht überein. Professor Mark E. Randall von der Manitoba-Universität (Kanada) etwa wendet ein, es sei nicht einzusehen, warum der Nährwert eines Kriegers geringer sein solle als der eines erlegten Wildes. Wenn derartige Berechnungen angestellt würden, müsse wohl auch berücksichtigt werden, welche Art von Wild dem Volksstamm zur Verfügung stände.

In größerem Detail beschäftigen sich die Professoren Stanley Walens und Roy Wagner von der Northwestern Universität (US-Staat Illinois) mit der Kannibalismus-Arbeit von Garn und Block. Sie kritisieren die beiden Autoren unter anderem deswegen, weil sie davon ausgehen, nur das Muskelfleisch des Menschen sei eßbar. Kannibalen hätten vielfach auch Lunge, Leber, Gehirn, Genitalien und Haut ihrer Opfer gegessen; sogar die Knochen hätten sie oft pulverisiert und verspeist. Diese Teile – so die Anthropologen – hätten nicht nur zusätzliche Proteine beigesteuert, sondern auch die zur Ernährung wichtigen Vitamine und Mineralien.