Er wollte wissen, und er wollte wirken – dieser doppelte Drang hat das Leben Waldemar Bessons bestimmt. Weil er wissen wollte, wie alles gekommen war, damit es nie wieder so komme, begann er vor zwei Jahrzehnten nach dem Krieg in Tübingen Geschichte zu studieren, und später, in Erlangen, Konstanz und Harvard, Geschichte zu lehren. Weil er wirken wollte, tummelte er sich zwei Jahrzehnte lang in vielerlei Arenen: als Universitätsgründer, als Mitglied des ZDF-Fernsehrates, als meinungsfreudiger Publizist, als Berater auch von Politikern der verschiedensten Couleur.

Wissen und Wirken, eine sehr persönliche Verschränkung von Engagement und Distanz – in Besson verschmolzen sie zu dem, was er so oft gefordert hatte: zur Solidarität zwischen praktischer und theoretischer Daseinsorientierung. Er konnte denken, er verstand sich aufs Formulieren; er vermochte zu fesseln. Er hatte nichts übrig für eine Haltung, die die Wissenschaft zum privaten Hobby macht und sich dabei noch mit den Insignien des Dienstes an der Menschheit schmückt, und schon gar nichts für jene neue Richtung, die in der Quantifizierung und Mathematisierung von Geschichte und Politik eine hinreichende Bindung ans Gesellschaftliche zu sehen meint. Er hielt es mit Yorck von Wartenburg, daß im Praktisch-werden-können der Rechtsgrund aller Wissenschaft liege.

Besson konnte akribische Arbeit leisten, konnte historische Meßtischblätter liefern – seine Studien über Roosevelts Terminologie und über Württemberg in der Auflösung der Weimarer Republik beweisen es. Doch jene großen Landkarten lagen ihm mehr, die Strukturen, Tendenzen, Bewegungsgesetze erkennen lassen – wie seine Arbeit über Amerikas Außenpolitik, vor allem jedoch sein letztes Werk: "Die Außenpolitik der Bundesrepublik". Es war ein großer Wurf, souverän, provozierend, langweilig auf keiner Seite. Hier hob er ins Bewußtsein der Westdeutschen, was anzuerkennen sie zuvor sich schamhaft geweigert hatten: die Staatsraison der Bundesrepublik. Er tat es in der ihm eigenen Art. In der Beschreibung der Ereignisse suchte er zugleich nach den Elementen einer Theorie, die Analyse der Bedingungen und Konsequenzen geriet ihm notwendig zur Analyse von Maßstäben, Werten und Zielen.

Im Alter von 41 Jahren ist Waldemar Besson gestorben. Freunde und Kollegen wissen, welche Lücke sein jäher Tod gerissen hat: in die schmale Front von Historikern und Publizisten der mittleren Generation; in die hierzulande kleine Schar der vielseitig Verwendbaren – Besson war öfter als möglicher Kultusminister im Gespräch und galt als designierter Nachfolger des ZDF-Intendanten Holzamer; schließlich in den verlorenen Haufen jener, die – Konservative mit radikalen Antrieben oder Radikale mit konservativen Bremsen – darum bemüht sind, unserem Gemeinwesen in einer Zeit der Fliehkräfte die tragende Mitte der Vernunft zu erhalten.

Theo Sommer