Sinjawskij frei

Ende voriger Woche wurde der sowjetische Schriftsteller Andrej D. Sinjawskij aus dem mordwinischen Arbeitslager Potma entlassen: Achtzehn Monate seiner siebenjährigen Haftstrafe sind ihm damit geschenkt worden. Als Grund für die vorzeitige Entlassung, die bei politischen Verurteilten in der Sowjetunion sonst nicht vorkommt, wurde seine mustergültige Führung angegeben. Julij Danielj dagegen, der mit Sinjawskij zusammen im Jahre 1966 in einem weltweite Proteste auslösenden Prozeß ebenfalls wegen verleumderischer antisowjetischer Tätigkeit verurteilt worden war, mußte seine fünfjährige Haftstrafe bis September 1970 voll verbüßen; durch herausgeschmuggelte Protestschreiben und Hungerstreiks hatte er seine anhaltende Aufsässigkeit zu verstehen gegeben. Wie die meisten ehemaligen politischen Gefangenen dürfen weder Sinjawskij noch Danielj vorläufig in Moskau wohnen. Ein anderer Grund für die Liquidierung des Falles Sinjawskij/Danielj könnte allerdings auch der bevorstehende sowjetische Schriftstellerkongreß sein – eine der unerfreulichsten Kapitel jüngerer sowjetischer Kulturgeschichte braucht ihn nun nicht mehr zu belasten.