Für die größte Überraschung auf dem VIII. Parteitag der SED sorgte Walter Ulbricht: Noch am Vortage hatte er die Besucherdelegationen begrüßt; auf dem unerwartet um 24 Stunden verschobenen Parteitag fehlte er dann, angeblich wegen akuter Kreislaufstörungen. Erst am vierten und vorletzten Tag stattete der sowjetische KP-Chef Breschnjew dem 77jährigen Staatsratsvorsitzenden einen Höflichkeitsbesuch ab. Grund genug für neue Spekulationen, daß Ulbricht am 3. Mai nicht ganz freiwillig die Parteiführung abgegeben habe.

Vor den 2121 Delegierten bekräftigte die SED-Führung den Abgrenzungskurs. Nicht innerdeutsche Beziehungen, sondern Vereinbarungen auf Völkerrechtlicher Grundlage blieben das Ziel. Wie Breschnjew (siehe Dokumente der ZEIT) meinte aber auch Ministerpräsident Stoph, daß eine Verständigung über Berlin möglich sei, „die den Interessen aller Verhandlungspartner entsprechen würde“. Nicht minder aufmerksam registrierte Bonn, daß SED-Parteichef Honecker Westberlin erstmals als Stadt mit einem „besonderen politischen Status“ bezeichnete. Dies entspricht der Rechtsauffassung der westlichen Schutzmächte.

Die Bundesregierung nahm diese drei Äußerungen mit Genugtuung zur Kenntnis. Bundeskanzler Brandt, nach dessen Worten die Ostpolitik der Bundesregierung „vor dem Wind liegt“, bestätigte, daß sich die Gespräche der vier Mächte in einem entscheidenden Stadium, wenn auch noch nicht in einer Schlußphase befinden.

Im Mittelpunkt der Parteitagsberatungen stand der Fünfjahresplan 1971–75. Die DDR-Führung versprach der Bevölkerung – so der Londoner Guardian – „1001 Wohltat“: Erhöhung des Nationaleinkommens um 21 bis 23 Prozent bei stabilen Preisen, Produktionssteigerung um rund 36 Prozent, Verbesserung der Arbeitsproduktivität um 35 bis 38 Prozent, zusätzlich 500 000 Wohnungen, mehr Energie, höhere Renten.

Bei der Wahl der 135 Mitglieder und 54 Kandidaten (davon 28 neue) des Zentralkomitees blieben Überraschungen aus. Honecker wurde einstimmig zum Ersten Sekretär bestimmt, das Sekretariat von zehn auf neun Mitglieder reduziert. Das 14köpfige Politbüro, dem Ulbricht weiter angehört, wurde wiedergewählt und um zwei Mitglieder erweitert. Es hat jetzt sieben Kandidaten, darunter den 67jährigen Staatssicherheitsminister Erich Mielke. Die Frist zwischen den Parteitagen wurde, analog den Wirtschaftsplänen, auf fünf Jahre verlängert.

Die Vorstellung der neuen Führungsorgane in der DDR-Presse nährte wieder die Vermutungen über Ulbrichts Abhalfterung. Anders als sein Vorgänger erschien Honeckers Bild in der alphabetischen Reihenfolge, ohne besondere Hervorhebung. Die Kritik des SED-Chefs an dem „Unfehlbarkeitswahn“ einzelner Genossen und seine mahnenden Beschwörungen zu kollektiver Arbeit sind von Beobachtern des Parteitages als Absage an den starren Ulbricht-Kurs interpretiert worden.