Von Sibylle Krause-Burger

Mit Farbe und Exotik, mit lässigem Gebaren und zotteliger Kleidung, mit zu langem Haar und schlurfenden Schritten verändern sie das graue Bild der zivilisierten Welt. Sie geben sich als Außenseiter, kultivieren die Provokation und stören mit Bedacht all jene, die sich für rechtschaffen und eingepaßt halten zwischen Sitte, Ordnung und herrschender Ideologie: die kritischen jungen Leute. Will man ihren Reden Glauben schenken, so graulen sie sich vor dem eingefahrenen Leben der Eltern und verachten deren oberflächliche Lust an Kauf und Konsum. Weit mehr als alles, was älter und etablierter ist, wähnen sie selber sich zu scharfem Blick und ätzender Kritik begabt und folglich gefeit gegen die Lockungen der Werbung, standhaft im Angesicht eines überladenen Marktes. Ihre Welt – so versichern sie beredt – ist nicht von dieser Welt, sondern verspricht eine bessere Zukunft, die reicher sein soll an Menschlichkeit, Wärme und Geist.

Doch daraus zu schließen, die Jugend dieser Tage sei eine ganze Generation von Außenseitern, wäre gewiß verfehlt. Ganz im Gegenteil, bei geneuerem Zusehen zeigt sich schnell, daß der größte Teil der Jugend gar nicht daran denkt, aus der Herde auszubrechen und den schmalen Weg der Käuferabstinenz zu gehen. Zwar wird Abstinenz geübt, aber nicht, um mit puritanischem Eifer dem ganzen Glimmer und Glitzer zu entsagen, sondern weil man keine andere Wahl hat, wie ein Lehrmädchen, 18 Jahre alt, bezeugt:

„Ich mach’ wahnsinnig gern Schaufensterbummel, manchmal stundenlang, ich schau’ mir alles an, aber ich kaufe nichts, weil ich es effektiv nicht kann. Ich glaube, daß ich ziemlich vernünftig lebe, eben weil ich nicht anders kann.“

Und ein männlicher Kollege gleichen Alters: „Als Lehrling kann man der Konsumgesellschaft gar nicht so unterliegen wie jemand, der voll verdient, weil man einfach nicht das Geld dazu hat.“

Bislang liegen keine umfassenden Erhebungen über das Einkommen der Jugendlichen vor, aber eine Studie zum „Marktsegment Jugend“ der Gesellschaft für Konsumforschung in Nürnberg (von Dezember 1970) läßt doch einige Rückschlüsse zu. Danach konnten „Kinder“, die im Hause von Eltern und Verwandten lebten, zusammen über einen Betrag von 15 Milliarden verfügen, der sich zum Teil aus Taschengeldern, zum Teil aus eigenen Einkünften zusammensetzte. Hinzu kommen noch die Sonderzulagen großzügiger Eltern sowie Verdienst und Taschengeld solcher „Kinder“, die das Elternhaus schon verlassen haben. Mit 15 bis 20 Milliarden Mark – das ist die Summe, mit der Werbefachleute rechnen – können Jugendliche also alljährlich am Konsum teilhaben. Zweifellos die meisten würden gern wie Erwachsene alle Herrlichkeit der industriellen Produktion genießen:

„Wenn ich mehr Geld hätte, würde ich mir Schallplatten, schnellere Ski, schönere Kleidung, eine bessere Wohnung und ein größeres Auto leisten“, sagte ein Lehrling, und ein Schüler nannte eine fast gleichlautende Wunschliste: „Ein schickes Auto wäre wichtig, mehr und bessere Kleider natürlich, neue Ski und öfter mal zum Essen ausgehen.“