Frankfurt

Die Waagschale der Schuld hatte sich scheinbar schon unwiderruflich gesenkt. Vierzehn Jahre Freiheitsstrafe wegen versuchten Mordes hatte der Staatsanwalt im Frankfurter Hanzlicek-Prozeß für den Hauptangeklagten Konrad Hanzlicek, sechs Jahre für den „gedungenen Mörder“ Achmed Gebes gefordert. Gebes hatte auf die hochschwangere Frau Hanzliceks mehrere Schüsse abgefeuert. Die Frau überlebte, das Kind im Mutterleib war tot. Doch dann, in der vorigen Woche, nach mehr als sechs Wochen Prozeßdauer, war plötzlich wieder alles offen.

Die Zange, mit der die Verteidigung Hanzliceks, die Anwälte Fritz Steinacker und Rainer Eggert, den scheinbar schon verlorenen Fall aus dem Feuer zu reißen versuchen, ist die Psychoanalyse. Man hätte es dem Schwurgericht nicht ganz übelnehmen können, wenn es die Zeit für eine ernsthafte Rezeption der Psychoanalyse im Gerichtssaal noch nicht für reif gehalten hätte. Aber die Verteidigung hätte dem Gericht schließlich keine wissenschaftliche Streitfrage vorgelegt, sondern die juristisch ganz einfache These aufgestellt, daß man über die Motivation des Angeklagten Hanzlicek nach fünf Wochen Beweisaufnahme mit zwei psychiatrischen Gutachten wenig mehr wußte als am ersten Verhandlungstag, und jedenfalls nicht genug, um ein Urteil zu fällen. Das deckte sich mit der Ansicht jedes halbwegs aufmerksamen Prozeßbeobachters.

Das Schwurgericht hatte zuerst den Antrag der Verteidiger auf eine psychoanalytische Untersuchung – Hanzliceks abgelehnt. Die Anwälte zogen daraufhin die Notbremse und stellten dem Gericht Professor Tobias Brocher vom Frankfurter Sigmund-Freud-Institut als „präsentes Beweismittel“ vor. In der vergangenen Woche kam es vor dem Schwurgericht zum Hearing der Sachverständigen.

Brocher, Psychiater und Psychoanalytiker, präsentierte sich in Top-Form: Ein Mann auf der Höhe seiner Wissenschaft, zurückgekehrt von einem zweijährigen Aufenthalt in den USA, wo die Psychoanalyse mit größerer Unbefangenheit als hierzulande akzeptiert und „verarbeitet“ wird, frei von Minderwertigkeitskomplexen und Kompensationsproblemen, die Psychoanalytiker hierzulande mitunter plagen. Die Verteidiger Hanzliceks hätten keinen Besseren finden können, den Weg zu einer etwas fundierten Beurteilung ihres Falles freizukämpfen. Brocher war von einer nicht zu überbietenden Gelassenheit, die er bis zum Scherz mit einer „Freudschen Fehlleistung“ trieb, einem Versprecher des Staatsanwalts. Der Staatsanwalt war aufgesprungen und hatte „Aufklärung“ gefordert. Am Dienstag dieser Woche entschied das Schwurgericht: Dem Antrag der Verteidigung wird stattgegeben.

Hans Bilger