Verzweifelt fragt man sich, wie lange man noch wird wiederholen müssen, daß es keineswegs Kipphardt war, der die Drachen-Galerie im Münchner Programmheft unterbringen wollte. Das offizielle Organ des Deutschen Bühnenvereins, Die deutsche Bühne, sicherlich als Blatt der Intendanten nicht im Verdacht, links zu sein, hat geschrieben, Kipphardt würde verurteilt „für etwas, was er nicht getan, sondern verhindert hat“. Muß man also auch Arnulf Baring entgegenhalten, daß Kipphardts „Eigentor“ darin bestand, daß er etwas, was er als Programmheftverantwortlicher hätte drucken können, ohne Everding zu fragen, dem Intendanten zum Verbot vorlegte? Man muß es offenkundig wieder und wieder. Denn die Situation an den Münchner Kammerspielen war doch die: Das Theater hatte ein Stück ausgesucht, das – laut Text – alle aufforderte, die Drachen, das heißt ihre Unterdrücker in der eigenen Umgebung zu suchen.

Verantwortlich für den Spielplan ist August Everding – niemand anders. Baring irrt, wenn er meint, Kipphardt hätte einen Spielplan gegenüber der Stadt zu verantworten. Er hat Everding Vorschläge zu machen, weiter nichts. Er kann gehen, wenn Everding seine Vorschläge nicht akzeptiert. Und Everding kann die Stadt ersuchen, Kipphardts Vertrag nicht zu verlängern, falls er findet, daß Kipphardts Vorschläge immer unsinnig sind. Akzeptiert er aber ein Stück – und offenkundig hat er den „Dra-Dra“ akzeptiert –, dann muß er das Stück mit allen Konsequenzen auch vertreten.

Diese Sachlage ist wichtig. Sie besagt, daß Kipphardt nicht, wie Baring meint, Grass für die Politisierung dankbar sein müßte, weil er wegen des Spielplans der Stadt schon lang ein Dorn im Auge war, sondern daß die Stadt, wie sie auf Münchner Pressekonferenzen zugegeben hat, den Vorwand brauchte, den Grass dann lieferte, um „politische Gründe“ für die Nichtverlängerung zu haben.

Denn Everding, der das Stück doch gebilligt und der den Programmheft-Artikel doch verhindert hat (obwohl ihn Kipphardt dazu gar nicht hätte zu Rate ziehen müssen), mag zwar inzwischen wie ein Ping-Pong-Ball versuchen, zwischen den Fronten hin und her zu springen: Er hat auch jenes „leider“ im Programmheft zu verantworten, das da über den leeren Seiten stand – denn eine falsche Anwendung auf das von Everding akzeptierte Stück war die vorhergesehene Drachen-Galerie nicht.

Wenn Everding jetzt von „Gesinnungs-Terror“ spricht und die Kammerspielmitglieder meint, die ihm mit ihrer Kündigung das Rückgrat stärken wollen, über das er so offenkundig gar nicht verfügt, so ist das seine Sache. Fest steht, daß nur Grass den denunziatorischen Vorwand lieferte, mit dem Kipphardt von der Stadt geschaßt werden konnte, ohne daß die Stadt Everding selbst entlassen mußte. Leider hat sich Everding, weil er es mit niemandem verderben wollte, auf dieses perfide Spiel eingelassen, indem er, wie er meint, für die „Freiheit der Kunst“ sorgen will, die doch im Eimer ist, wenn der Verantwortliche für sie nicht einmal mehr den Kopf hinhält, sondern über windige Grass- und Programmheftumwege einen Mitarbeiter opfert.

Das Schönste an Barings Argumentation finde ich den Passus, in dem er, schreibt, daß Grass „ruhig im Ton“ und „richtig in den Proportionen“ geurteilt habe.

Gegen eine derartige Schönfärberei helfen nur Zitate, wobei ich von dem selbstgefälligen Grass-

  • Fortsetzung auf Seite 12