Blutbad in Bengalen

Das Glück hatte Abdul Bari verlassen. Wie Tausende anderer Leute in Ostbengalen hatte er den verhängnisvollen Fehler gemacht, beim Anblick einer pakistanischen Armeestreife davonzulaufen.

Er war vierundzwanzig Jahre alt, ein schmächtiger Mann, von Soldaten umringt. Er zitterte, weil er wußte, daß man ihn erschießen würde. "Normalerweise hätten wir ihn erschossen, als er davonrannte", informierte mich redselig Major Rathore vom Führungsstab der 9. Division. Wir befanden uns ani Rande eines winzigen Dorfes in der Nähe von Mudafarganj, ungefähr zwanzig Meilen südlich von Komilla "Aber Ihretwegen werden wir ihn erst verhören und überprüfen. Sie sind ja neu hier, und ich sehe, Sie haben noch einen empfindlichen Magen "

"Warum hätten Sie ihn erschossen?" fragte ich mit wachsender Besorgnis und Bestürzung. "Weil er ein Hindu sein könnte oder vielleicht ein Rebell, ein Student oder ein Angehöriger der Awami Liga. Sie wissen, daß wir hinter ihnen her sind, sie aussondern, und sie verraten sich, indem sie davonlaufen "

"Aber warum sie umbringen? Und warum die Hmdus verfolgen?" beharrte ich.

"Muß ich Sie daran erinnern", sagte Rathore streng, "wie die Hindus versucht haben, Pakistan zu zerstören? Ufad jetzt bietet uns der Kampf hier eine ausgezeichnete Gelegenheit, ein für allemal mit ihnen abzurechnen "Natürlich", fügte er eilig hinzu, "töten wir nur die Hindu Männer. Wir sind Soldaten, nicht Feiglinge wie die Rebellen. Sie töten unsere Frauen und Kinder "

Dies war mein erster Eindruck von dem Blutvergießen, das sich in dem grünen Land Ostbengalen ausbreitet. Erst war es das Massaker an den Nicht Bengalen gewesen, als der Haß der Bengalen barbarisch ausbrach. Jetzt war es das Massaker, das die westpakistanische Armee vorsätzlich anrichtete.

Die Opfer des Pogroms sind nicht nur die Hindus von Ostbengalen, die ungefähr zehn Prozent der Gesamtbevölkerung von über 75 Millionen ausmachen. Es sind auch viele tausend bengalische Moslems — unter ihnen Universitäts- und Collegestudenten, Lehrer, Angehörige der Awami Liga, linke Funktionäre und jeder der 176000 bengalischen Soldaten und Polizisten, dessen die Armee habhaft werden kann. Was ich mit eigenen Augen und Ohren während meines zehntägigen Aufenthaltes in Ostbengalen Ende April sah und hörte, macht mit schrecklicher Gewißheit klar, daß es sich bei den Metzeleien nicht um die isolierten Aktionen militärischer Befehlshaber im Felde handelt.

Blutbad in Bengalen

Die westpakistanischen Soldaten sind nicht die einzigen, die in Ostbengalen gemordet haben, natürlich nicht. Am Abend des 25. März — dies zu berichten wurde mir von dem pakistanischen Zensor erlaubt — meuterten die in Ostpakistan stationierten bengalischen Truppen und paramilitärischen Einheiten und wüteten unter den Nicht Bengalen mit entsetzlicher Grausamkeit. Tausende von Moslem Familien, viele von ihnen Flüchtlinge aus Bihar, die sich 1947 bei der Teilung für Pakistan entschieden hatten, wurden gnadenlos niedergemetzelt. Frauen würden vergewaltigt, öder man schnitt ihnen die Brüste ab. Auch die Kinder entkamen dem Schrecken nicht. Die glücklichen unter ihnen starben zusammen mit ihren Eltern, aber viele tausend andere müssen den Rest ihres Lebens mit ausgestochenen Augen oder abgeschlagenen Gliedmaßen dahinvegetieren. Mehr als 20 000 Leichen von NichtBengalen wurden in den größeren Städten gefunden, in Tschittagong, Khulna und Jessore. Die wirkliche Zahl der Opfer, so wurde mir anderenorts in Ostbengalen gesagt, kann durchaus bei 100 000 liegen, denn Taüsende von Nicht Bengalen sind spurlos verschwunden.

Die Regierung von Pakistan hat die Welt von diesen ersten Schreckenstaten wissen lassen. Was sie jedoch unterdrückt, sind die Nachrichten von dem zweiten und noch schlimmeren Schrekken, der folgte: als ihre eigene Armee das Töten übernahm. Westpakistanische Beamte schätzen in privaten Gesprächen, daß beide Seiten zusammen 250 000 Menschen getötet haben — wobei diejenigen, die an Hunger oder Krankheiten starben, nicht mitgezählt sind.

Als Reaktion auf die beinahe erfolgreiche Loslösung der Provinz, in der mehr als die Hälfte der Landesbevölkerung lebt, forciert General Yahya Khans Militärregierung ihre eigene "Endlösung" des Ostbengalen Problems "Wir sind entschlossen, in Ostpakistan das Gespenst der Abspaltung ein für allemal auszumerzen, auch wenn das bedeutet, daß wir zwei Millionen Menschen töten und die Provinz dreißig Jahre lang als Kolonie beherrschen müssen", wurde mir wiederholt von ranghöchsten Militäroffizieren und Zivilbeamten in Dakka und Komilla gesagt. Und genau dies tut die westpakistanische Armee in Ostbengalen mit erschreckender Gründlichkeit.

Wir waren nach einem Besuch in Tschandpur mit der untergehenden Sonne um die Wette gefahren (die westpakistanische Armee hält sich in Ostbengalen abends und nachts klugerweise nicht im Freien auf), als einer der rennt ein Mann, Sahib "

Major Rathore stoppte das Fahrzeug abrupt und griff gleichzeitig nach seinem in China hergestellten leichten Maschinengewehr. In weniger als 200 Meter Entfernung sah man einen Mann durch die kniehohen Reishalme laufen.

"Um Gottes willen, schießen Sie mcht", rief ich "Er ist unbewaffnet. Es ist nur ein Dorfbewohner "

Rathore warf mir einen bösen Blick zu und feuerte eine Warngarbe ab. Als der Mann sich in dem üppigen Grün zu Boden warf, waren zwei Schläge mit dem Gewehrkolben auf die Schulter gingen dem Verhör voran.

Blutbad in Bengalen

"Wer bist du?" — "Gnade, Sahib! Mein Name ist Abdul Bari. Ich bin ein Schneider aus dem Neuen Markt in Dakka — "Lüg mich nicht an. Du bist ein Hindu. Warum bist du davongelaufen?" — "Es ist schon fast Sperrstunde, Sahib, und ich war auf dem Weg in mein Dorf — "Sag die Wahrheit. Warum bist du davongelaufen?"

Bevor der Mann antworten konnte, wurde er von einem jawan nach Waffen abgetastet, währehd ein anderer ihm sein lungi herunterriß. Sein magerer Körper wurde entblößt, und man erkannte deutlich die Spuren der Beschneidung, die für Moslems obligatorisch ist. Wenigstens war klar zu erkennen, daß Bari kein Hindu war. Das Verhör ging weiter.

"Sag mir, warum bist du davongelaufen?" Jetzt konnte Bari, der am ganzen Körper zitterte und in dessen Augen die wilde Angst stand, schon nicht mehr antworten. Er sackte in den Knien zusammen.

"Er sieht aus wie ein fauji, Sir", meinte ein benutzt es für die bengalischen Rebellen, auf die sie Jagd macht.

"Könnte sein", hörte ich Rathore grimmig murmeln.

Abdul Bari wurde mehrere Male mit dem Gewehrkolben geschlagen und dann gegen eine Wand gestoßen. Es sah bedrohlich" aus. Auf seine Schreie hin erschien der Kopf eines Jungen im Schatten einer nahe gelegenen Hütte. Bari rief ihm etwas auf Bengalisch zu. Der Kopf verschwand. Augenblicke später trat ein bärtiger alter Mann zögernd aus der Hütte. Rathore stürzte auf ihn los.

"Kennst du diesen Mann?" — "Ja, Sahib, es ist Abdul Bari — "Ist er ein Fauji?" — "Nein, Sahib, er ist ein Schneider aus Dakka — "Sag mir die Wahrheit "Kbuda, Kassam — bei Gott geschworen, Sahib, er ist ein Sehneider "

Blutbad in Bengalen

Es herrschte plötzlich Schweigen. Rathore sah verlegen aus, als ich ihm sagte: "Um Gottes willen, lassen Sie ihn gehen. Was für Beweise wollen Sie noch für seine Unschuld?"

Die jawans waren offensichtlich nicht überzeugt und prügelten weiter auf Bari ein. Erst als ich mich nochmals für ihn eingesetzt hatte, befahl Rathore, ihn laufenzulassen. Bari war jetzt nichts mehr als ein zusammengeschrumpftes und sprachloses Häufchen Elend und Schreien. Aber sein Leben war gerettet. Andere hatten nicht soviel Glück.

In den sechs Tagen, die ich mit den Offizieren aus dem Hauptquartier der 9. Division in KonjUU Wurnreiste, wurde ich aus nächster Nähe Zeuge vom Ausmaß des Mordens. Ich habe gesehen, wie Hindus, die man von Dorf zu Dorf gejagt hatte, von Tür zu Tür, einfach kaltblütig niedergeschossen wurden, nachdem eine oberflächliche "Kurz Inspektion" gezeigt hätte, daß sie nicht beschnitten waren. Ich habe die Schreie der Männer gehört, die im Gefangenenlager des verwaltung, in Komilla zu Tode geknüppelt wurden. Ich habe Wagenladungen menschlicher Zielscheiben gesehen, und ich habe gesehen, wie diejenigen, die aus Menschlichkeit versuchten, ihnen zu helfen, im Schütze der Dunkelheit und der Sperrstunde "zur Beseitigung" verschleppt wurden. Ich bin Zeuge geworden der Brutalität von "Töten und Verbrennen Einsätzen", bei denen die Armee Einheiten das Pogrom in den Städten und Dörfern fortsetzten, nachdem die Rebellen längst aufgespürt waren.

Ich habe gesehen, wie bei "Strafaktionen" ganze Dörfer dem Erdboden gleichgemacht wurden.

Und abends in den Offizierskasinos habe ich ungläubig zugehört, wie sonst tapfere und ehrenhafte Männer stolz beim Essen mit den Tageserlebnissen an Toten prahlten: "Wie viele hast du erwischt?" Die Antworten darauf haben sich in mein Gedächtnis eingebrannt.

All dies geschieht, wie jeder westpakistanische Offizier einem erzählen wird, zur "Bewahrung der Einheit, der Integrität und der Ideologie von Pakistan". Dafür ist es natürlich schon zu spät. Eben jene militärische Aktion, die die Landesteile zusammenhalten soll, die durch tausend Meilen Indien voneinander getrennt sind, hat den ideologischen und emotionalen Bruch befestigt. Nur die schwere Hand der Armee hält Ostbengalen bei Pakistan. In der Armee aber dominieren die Punjäbis, welche die Bengalen seit eh und je verachten und hassen.

Die knochenzermalmende Militäraktion trägt zweierlei deutliche Züge. Den einen nennen die Verantwortlichen gern eine "Säuberungsaktion": ein Euphemismus für Massaker. Das andere sind die "Rehabilitierungsbemühungen". Damit werden die Maßnahmen bezeichnet, die Ostbengalen zu einer fügsamen Kolonie Westpakistans machen sollen. Diese allgemein gebräuchlichen Ausdrücke und die häufigen amtlichen Hinweise auf "Übeltäter" und "Eindringlinge" sind ein Teil der Scharade, die vor der Welt gespielt wird. Man ziehe die Propaganda ab, und die Realität ist Kolonialherrschaft und Mord.

Blutbad in Bengalen

Die Rechtfertigung für die Auslöschung der Hindus gab Generalleutnant Tikka Khan, der. Militärgouverneur von Ostpakistan, in einer Radiosendung, die ich am 18. April hörte. Er sagte: "Die Moslems von Ostpakistan, die bei der Schaffung von Pakistan eine führende Rolle gespielt haben, sind entschlossen, es am Leben zu erhalten. Die Stimme dieser überwiegenden Mehrheit jedoch war unterdrückt worden durch Zwang und Bedrohung von Leben und Besitz seitens einer lauten, gewalttätigen und aggressiven Minderheit - die die Awami Liga zwang, den destruktiven Kurs einzuschlagen "

Andere drückten sich in Privatgesprächen krasser aus.

"Die Hindus hatten die Moslem Massen mit ihrem Geld völlig unterwandert", "sagte mir Oberst Naim vom Hauptquartier der 9. Division im Offizierskasino in Komilla "Sie haben die Provinz ausbluten lassen. Geld, Nahrungsmittel und Produkte flössen über die Grenzen nach Indien. In manchen Fällen stellten sie mehr als die Hälfte der Lehrer an Colleges und Schulen, und ihre eigenen Kinder schickten sie zur Erziehung nach Kalkutta. Es hatte den Punkt erreicht, wo die bengalische Kultur durch die Hindu Kultur ersetzt wurde. Ostpakistan stand im Grunde unter der Kontrolle der MarwariGeschäftsleute in Kalkutta. Wir müssen die Hindus aussondern, um das Land wieder in die Hand des Volkes zu geben und das Volk wieder zu seinem Glauben zu führen "

Oder man nehme Major Bashi, den Nachschuboffizier der 9. Division in Komilla. Er rühmt sich einer persönlichen Abschußquote von 28 und hat seine eigenen Erklärungen dafür, was geschehen ist "Dies ist ein Krieg zwischen den Reinen und den Unreinen", informiert er mich bei einer Tasse grünen Tees "Die Leute hier mögen vielleicht Moslem Namen haben und sich Moslems nennen. Aber im Herzen sind sie Hindus. Sie werden es nicht glauben, aber der Mulleh der Moschee hier hat während der Freitagsgebete ein Fathwa verkündet, in dem es hieß, daß ins Paradies komme, wer Westpakistani töte. Wir haben den Bastard ausgesondert, und wir sonwerden wahre Moslems sein. Wir werden sie sogar Urdu lehren "

Überall traf ich auf Offiziere und Männer, die sich aus derlei Vorurteilen die Rechtfertigung ihres Tuns zusammenstrickten. Sündenböcke mußten gefunden werden, um vor dem eigenen Gewissen die schreckliche "Lösung" eines Problems zu legitimieren, das seinem Wesen nichts als ein politisches Problem ist: Die Bengalen gewannen die Wahl und wollten regieren. Die Punjäbis, deren Ambitionen und Interessen die Regierungspolitik Pakistans seit seiner Gründung 1947 bestimmt haben, wollten keine Schwächung ihrer Macht dulden. Und die Armee unterstützte sie.

Privat erklären manche Beamten das grausige Geschehen als Vergeltungsmaßnahme für das Massaker an den Nicht Bengalen. Aber die Ereignisse legen die Vermutung nahe, daß das Pogrom nidit das Ergebnis einer spontanen und undisziplinierten Reaktion war. Die "Aussonderung" war geplant.

Als am Abend des 25. März in Dakka die Armee Einheiten ausschwärmten, um in Präventivschlägen gegen die Meuterei vorzugehen, die für die frühen Morgenstunden des nächsten Tages vorgesehen war, trugen viele von ihnen Listen von Leuten bei sich, die liquidiert werden sollten. Auf diesen Listen standen Hindus ebenso wie eine große Anzahl von Moslems: Studenten, AwamiLeute, Professoren, Journalisten und diejenigen, die sich in Scheich Mudschibs Bewegung des zivilen Ungehorsams hervorgetan hatten. Die Beschuldigung, die jetzt öffentlich ausgesprochen wird, daß die Armee von der Jaganath Hall aus, in der die Hindu Studenten lebten, mit Mörsern angegriffen wurde, rechtfertigt kaum die Zerstörung von zwei Hindu Siedlungen, die sich um die Tempel auf der Ramna Rennbahn herum gruppierten, oder einer dritten in Shakrepati, im Herzen der Altstadt. Noch erklärt sie, warum die beträchtliche Hindu Einwohnerschaft von Dakka und der benachbarten Industriestadt Narayanganj während der totalen Ausgangssperre am~ 26 und 27. März spurlos verschwand. Gleichermaßen gibt es keine Spur von einer großen Anzahl Moslems, die man während der Sperrstunde zusammentrieb. Diese Menschen wurden in einer geplanten Operation liquidiert. Eine improvisierte Reaktion auf Hindu Angriffe hätte ganz andere Folgen gehabt.

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Als ich am 15. April durch Dakka fuhr, fand ich auf dem Dach des Studentenheimes Iqbal Hall die verwesenden Köpfe von vier Studenten. Der Hausmeister berichtete, sie seien in der Nacht des 25. März getötet worden. Außerdem fand ich Blutspuren auf den beiden Treppen und in vier Zimmern. Hinter der Iqbal Hall schien ein großes Wohnhaus die besondere Aufmerksamkeit der Armee erregt zu Haben. Die Wände waren voller Einschußstelleh, und ein widerlicher Geruch war noch im Treppenhaus, obwohl es kräftig mit DDT bestäubt worden war. Nachbarn sagten, daß die Leichen von 23 Frauen und Kindern erst ein paar Stunden zuvor weggekarrt worden seien. Nur nach vielen Nachfragen gelang es mir, Sicherheit zu bekommen, daß die Opfer aus einer nahe gelegenen Hüttensiedlung der Hindus stammten. Sie hatten in dem Gebäude Zuflucht gesucht, als die Armee angerückt war.

Dies ist Völkermord. Er wird mit einer erstaunlidien Zwanglosigkeit durchgeführt. Als ich am Morgen des 19. April im Büro von Major Agha saß, dem Kriegsrechts Administrator in Komilla, wurde ich Zeuge der lässigen Art und Weise, auf die Strafen zugemessen wurden. Ein Bihari Unterinspektor der Polizei war mit einer Liste von Gefangenen eingetreten, die man in Polizeigewahrsam hatte. Agha überflog sie. Dann hakte er lässig mit der Spitze des Bleistiftes vier Namen auf dieser Liste ab.

"Bring diese vier heute abend zu mir, zur Beseitigung", sagte er. Dann blickte er nochmals auf die Liste. Der Bleistift machte einen weiteren Strich "Und bring auch diesen Dieb gleich mit " Das Todesurteil war bei einem Glas Kokpsnußmilch ausgesprochen worden. Ich wurde informiert, daß zwei der Gefangenen Hindus waren, der dritte ein "Student" und der vierte ein Organisator der Awami Liga. Der "Dieb", hieß es, ar ein Bursche namens Sebastian, den man dabei erwischt hatte, wie er die Habseligkeiten eines befreundeten Hindu in sein eigenes Haus geschafft hatte.

Später am Abend sah ich die Männer, an Händen und Beinen lose mit einem einzigen Strick gebunden, und sie wurden die Straße hinunter zu dem Gefangenenlager beim Circuit House geführt. Kurz nach Beginn der Sperrstunde um 18 Uhr wurde ein Schwärm kreischender Mynahvögel durch das Geräusch hölzerner Knüppel aufgestört, die auf Knochen und Fleisch einsehlugen. Hauptmann Aztnat vom Baluch Regiment, Adjutant beim Kommandeur der 9. Division, bot seinen Kameraden im Kasino Anlaß Zum Hänseln. Azmat, so war durchgesickert, war der einzige Offizier der Gruppe, der noch keinen "Abschuß" auf seiner Liste hatte. Major Bashir stichelte gnadenlos "Komm schon, Azmat, wir werden einen Mann aus dir machen", sagte Bashir eines Abends zu ihm "Morgen werden wir sehen, wie du ihnen Beine machen kannst. Es ist ganz einfach Major Bashir klärte mich mit bedeutungsvollen Augenzwinkern auf: Im Bericht braucht bloß zu stehen: Dbop gaya — "auf der Flucht erschossen "

Ich fand nie heraus, ob Hauptmann Azmat seinen Abschuß geschafft hat. Wahrscheinlich mußte er noch weitere drei Wochen darauf warten. Denn erst am 8. Mai gelang es der 9. Devision, Feni und die Umgebung in die Hand zubekommen. Bis dahin hatten sich die bengalischen Rebellen, die wochenlang die Division in Schach gehalten hatten, mit ihren Waffen über die benachbarte Grenze nach Indien geflüchtet. Das Entkommen einer so großen Anzahl bewaffneter Rebellen machte Oberstleutnant Aslam Baig, dem G l im Hauptquartier der 9. Division, Sorge "Die Inder", erklärte er, "werden ihnen bestimmt nicht gestatten, sich dort niederzulassen. Das wäre zu gefährlich. Also wird man sie stillschweigend dulden, solange sie immer wieder auf der anderen Seite der Grenze in Einzeleinsätzen kämpfen. Wenn wir sie nicht völlig aufreiben, werden sie uns für lange Zeit immer wieder ernsthafte Schwierigkeiten madien "

Oberstleutnant Baig war ein allseits geachteter Artillerieoffizier, der einen Teil seiner Dienstzeit in China verbracht hatte, als nach dem indisch pakistanischen Krieg Einheiten der pakistanischen Armee auf chinesische Ausstattung umgerüstet wurden. Man sagte von ihm, er sei ein stolzer Familienvater. Er erzählte mir mit unver- hohlenem Stolz, daß er während einer früheren Stationierung in Komilla aus China die riesigen scharlachroten Wasserlilien mitgebracht hatte, die den Teich gegenüber dem Hauptquartier zierten. Major Bashir verehrte ihn. Er erzählte mir, daß sie einmal einen Rebellenoffizier gefangengenommen hatten und es eine erregte Diskussion darüber gegeben hatte, was mit ihm gemacht werden sollte "Während die anderen überallhin telephonierten, um Instruktionen einzuholen", sagte er, "löste Baig das Problem allein. aus dem Graben "

Es ist schwer, sich soviel Brutalität inmitten solcher landschaftlicher Schönheit und solchen Überflusses der Natur vorzustellen. Bloß Menifchen waren nirgendwo zu sehen — und dies in einem der dichtestbösiedelten Gebiete der Erde — 1900 Menschen pro Quadratmeile , , Wo sind die Bengalen?" hatte ich ein paarTage vorher in den seltsam löeren Straßen von Dakkä meine Begleiter gefragt "Sie sind in die Dörfer gezogen", lautete die stereotype Antwort. Jetzt, auf dem Lande, waren noch immer keine Bengalen zu sehen. Im Stadtgebiet von. Komilla standen wie in Dakka fas£ alle Häuser verschlossen und verriegelt. Und auf den zehn Meilen Straße nach Kftksham, an verlassenen Dörfern vorbei, konnte ich die. Bauern, die ich sah, leicht an den Fingernmeiner beiden Hände abzählen., - Soldaten gab es zu Hunderten. Sie hatten den Befehl, ihre Waffen nie aus der Hand zu legen. Auf den Straßen patrouillieren ständig grimmige, schießfreudige Männer. Und wo die Armee ist, da findet man keine Bengalen.

Blutbad in Bengalen

Anordnungen des Kriegsrechts, die beständig vom Radio wiederholt werden und in der Presse erscheinen, drohen, jedermann mit der Todes , strafe, der bei einem Sabotageakt angetroffen wird. Wird eine Straße verbarrikadiert, eine Brücke beschädigt oder zerstört, dann hat das zur Folge, daß alle Häuser im Umkreis von einhundert Metern zerstört und ihre Bewohner zusammengetrieben werden.

Wir sahen, was Solche Strafaktionen bedeuteten, als wir uns Hajiganj näherten. Es war der Morgen des 17. April. Wenige Meilen vor Hajiganj war in der vorangegangenen Nacht eine fünf Meter lange Brücke von Rebellen beschädigt worden. Wie uns Major Rathore sagte, w;ar sofort eine Armee Einheit zur Strafaktion eingesetzt worden. Hohe Rauchsäulen standen ringsum. Als wir vorsichtig über die Bretter fuhren, mit denen die Brücke notdürftig repariert worden war, konnten wir erkennen, daß die Häuser im Dorf zu brennen anfingen. Einige ja wans legten mit getrockneten Kokosblättern Feuer. Außerdem erblickten wir einen Leichnam, der am Eingang des Dorfes zwischen den Kokosnußbäumen lag. Auf der anderen Seite der Straße waren in einem Dorf in den Reisfeldern mehr als ein Dutzend Bambushütten ein Raub der Flammen geworden. Hunderte von Dorfbewohnern hatten noch fliehen können, bevor die Armee kam. Andere, wie der Mann zwischen den Kokosnußbäumen, wären zu langsam gewesen. Während wir weiterfuhren, sagte Major Rathöre: "Sie haben es sich selbst zuzuschreiben " Ich sagte, es sei ganz bestimmt eine zu schreckliche Vergeltung an unschuldigen Menschen wegen der Taten einer Handvoll Rebellen. Er antwortete nicht.

Ein paar Stunden später, als wir auf dem _Rückweg von Tschandpur wieder durch Hajiganj kamen, machte ich zum erstenmal Bekanntschaft mit 4er brutalen Grausamkeit eitles "

Wir fuhren um eine Ecke und sahen einen Konvoi von Lastwagen, dar vor der Moschee parkte. Ich zählte sieben, alle besetzt mit jawans in Kampfanzügen. An der Spitze der Wagenreihe stand ein Jeep. Auf der anderen Seite der Straße versuchten zwei Männer, angewiesen von einem dritten, die Tür eines von den mehr als hundert verriegelten Läden aufzubrechen, die die, Straße säumten. Die Teakholz Tür begann nachzugeben, als Major Rathore den Toyota zum Stehe brachte.

"Was zum Teufel geht da vor?"

Der größte des Trios drehte sich um und blickte zu uns herüber "Mota (Dicker)", rief er dann, "was zur Hölle glaubst du wohl?" Als er die Stimme erkannte, weitete Rathore seinen Mund zu einem Grinsen. Es war, informierte er midi, sein alter Freund "Ifty" — Major Iftikhar von den 12th Frontier Force Rifles. Rathore: "Ich dachte, jemand plündert — "Iftikhar: "Plündern? Nein. Wir sind auf einem Töten und Verbrennen Einsatz Mit einer Handbewegung wies er auf die Läden und sagte, er werde sie alle anzünden. Rathores: Wie viele hast du erwischt?" Iftikhar lächelte verschämt. Rathore: "Komm, sag schon. Wie viele hast du erwischt?" — Iftikhar: "Nur zwölf. Und bei Gott, wir hatten Glück, daß wir sie noch erwischten. Die wären uns auch noch entkommen, wenn ich meinen Leuten nicht befohlen hätte, von hinten anzugreifen "

Jetzt widmete sich Major Iftikhar dem zweiten Teil seiner Aufgabe: Verbrennen.

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Vor dem Laden stand ein kleines Ausstellungsschränkchen, das angefüllt war mit Medizinfläschchen, Hustensirup, einigen Flaschen Mangosaft, unechtem Schmuck, Rollen gefärbter Baumwollschnüre und Päckchen mit Gummiband. Iftikhar stieß es um und zertrümmerte das leichte Holz in kleine Stücke. Als nächstes griff er nach ein paar Einkaufstaschen aus Jute, die auf einem Bord lagen. Von einem anderen nahm er Spielzeug aus Plastik. Ein Bündel Taschentücher und ein kleiner Ballen roten Stoffs wurden auf den Haufen geworfen, den er auf dem Fußboden sorgfältig auftürmte. Dann lieh sich Iftikhar von einem der jawans, die in unserem Toyota saßen, Streichhölzer.

Der jawan hatte plötzlich einen Einfall: Er sprang vom Wagen, lief zum Laden und versuchte, einen der Regenschirme herunterzureißen, die an der niedrigen Decke des Raumes hingen. Iftikhar befahl ihm, sich davonzumachen. Plündern, daran wurde er mit scharfer Stimme erinnert, war gegen den Befehl.

Iftikhar brachte das Feuer schnell in <Jang" Er tfardfe lodertfden Jatetassheain eine Ecke des Eadens, den Stoffbaflen in eine andere. Der üa den begann lichterloh zu brennen. Minuten später konnte man das Knistern der Flammen hinter den verriegelten Türen auch der anderen Häuser hören. Das Feuer breitete sich von einem zum anderen aus.

Als ich am nächsten Tag Major Iftikhar zufällig wieder traf, erzählte er mir niedergeschlagen: "Ich konnte gestern nur sechzig Häuser verbrennen. Wenn es nicht geregnet hätte, dann hätte ich den verdammten ganzen Haufen geschafft "

Major Iftikhar war einer der vielen Offiziere, die zu fe?W B<M>wm Ein$ätzen abgestellt sind. Sie erschienen auf dem Schauplatz, wenn die Rebellen von der Armee vertrieben waren, und hatten das Recht, alles zu durchkämmen und Hindus sowie "Übeltäter" (so der offizielle Jargon für Rebellen) zu töten und dann in dem Gebiet, von wo aus die Armee beschossen worden war, alles niederzubrennen.

Dieser schlaksige Punjabi Offizier sprach gerne über seinen Job. Als ich bei einer anderen Gelegenheit mit ihm zum Circuit House in Komilla fuhr, erzählte er mir von seiner letzten Heldentat "Wir erwischten einen Alten", berichtete er. "Der Hundesohn hatte sich einen Bart wachsen lassen und mimte den frommen Moslem. Er nannte sich sogar Abdul Manan. Aber wir untersuchten ihn medizinisch, und da war das Spiel aus. Ich wollte gleich an Ort und Stelle mit ihm Schluß machen, aber meine Männer sagten mir, ein solcher Hundesohn verdiene drei Schüsse. Also schoß ich ihm erst einen zwischen die Beine, dann einen in den Bauch. Dann gab ich ihm mit einem Kopfschuß den Rest "

Als ich mich von Major Iftikhar trennte, machte er sich auf den Weg nach Norden, nach Brahmanbaria. Sein Auftrag: Töten und Verbrennen.

Blutbad in Bengalen

Kein Wunder, daß Furcht und Schrecken herrschen. Den Bengalen bleibt nur die Wahl zwischen Flucht und Unterwerfung. Wer davonlaufen kann, verschwindet. Ganze Städte leerten sich, als die Armee sich näherte. Wer nicht laufen kann, rettet sich in eine kriecherische Unterwürfigkeit, die dem Elend die Erniedrigung hinzufügt, Tschandpur war ein Beispiel für das erstere. Früher war diese wichtige Hafenstadt am Meghna wegen ihrer prosperierenden Geschäftshäuser und ihres fröhlichen Treibens berühmt. Nachts machten Tausende kleiner Boote vom Lande, die am Flußufer ankerten, aus ihr ein Märchenland VOR Lichtern, Am 1 8. April jedoch war Tschandpur verlassen. Keine Menschen, keine Boote. Kaum ein Prozent der Bevölkerung war dort geblieben ÜerRest, besonders dieHindns —. einst fast die Hälfte && Bevölkerung — war geflohen.

Das Seltsame war: Sie hatten Tausende von pakistanischen Flaggen zurückgelassen. Sie flatterten von jedem Haus, jedem Laden, jedem Dach. Man hatte den Eindruck, als würde hier ein nationaler Feiertag begangen. Nur die Menschen fehlten. Der Anblick war um so gespenstischer. Die Fahnen dienten als eine Art Versicherung. Irgendwie hatte sich das Gerücht verbreitet, die Armee betrachte jedes Gebäude ohne pakistanische Flagge als feindlich und würde es folglich zerstören. Es kam nicht darauf an, wie die pakistanischen Fahnen gemacht waren, solange sie nur den Halbmond und den Stern zeigten. Also sah man Flaggen aller Größen, Formen und Farben. Manche zeigten stolz blaue Felder statt der regulären grünen. Offensichtlich waren sie in aller Eile zusammengenäht worden — und aus demselben Stoff, der für die blaue Bangla DeshPahne benutzt worden war. Tatsächlich sah man aiehr blaue pakistanische Fahnen als grüne. Dieselbe Szenerie wie in Tschandpur wiederholte sich in Hajiganj, Mudarfarganj, Kasba, Brahmanbaria: alles Geisterstädte, in denen die Fahnen lustig flatterten, Laksham war ein Beispiel für die zweite Art der Reaktion: Unterwürfigkeit. Als ich in die Stadt einfuhr, war außer Soldaten nichts zu sehen — Soldaten, Tausende von pakistanischen Flaggen, Der Major, der hier den Oberbefehl hatte, residierte in der Polizeistation. Mein Kollege, ein pakistanischer Fernseh Kameramann, sollte einen Propagandafilm über die "Wiederkehr normaler Zustände" in Laksham drehen — einen Film aus der endlosen Serie, die täglich ausgestrahlt werden und Willkonimensparaden und "Friedenstreffen" zeigen. Ich fragte, wie das gelingen sollte, aber der Major sagte, das sei keine Schwierigkeit "Es sind genug von diesen Bastarden übriggeblieben. Lassen Sie mir nur zwanzig Minuten Zeit "

Leutnant Javed vom 39. Baluch Regiment erMelt Befehl, eine Menschenmenge zusammenzutreiben. Er ließ einen bärtigen Greis kommen, 4er sich später als Moulana Said Mohammad Saidul Huq vorstellte. Er wies immer wieder darauf hin, daß er "ein treuer Anhänger der Moslem Liga sei und keiner von den AwamiLeuten". Er war überaus dienstfertig "Ich werde ihnen ganz bestimmt in 20 Minuten wenigstens 60 Leute bringen", sagte er zu Javed "Aber wenn Sie mir zwei Stunden geben, dann bringe ich 200 "

Moulana Saidul Huq hielt, was er versprochen hatte. Wir hatten kaum unsere Kokosnußmilch ausgetrunken, die uns der Major angeboten hatte, als wir in der Entfernung schon Rufe hörten "Pakistan zindabad!" — "Pakistan Army gen die Sprechchöre, (Zindabad ist Urdu für "Lang lebe!") Wenig später marschierten sie auf, eine buntscheckige Menge von vielleicht fünfzig alten und kümmerlichen Männern und kleinen Kindern, die pakistanische Flaggen schwangen und so laut schrien, wie sie konnten. Leutnant Javed zwinkerte mir bedeutungsvoll zu. Innerhalb von Minuten war die "Parade" zu einem "Volkstreffen" arrangiert, komplett mit einer provisorischen Lautsprecheranlage und einer schnell sich vergrößernden Anzahl von Möchtegern Rednern. Mahbub ur Rahman wurde nach, vorn gedrängt, um der Armee den Willkommensgruß auszusprechen. Er stellte sich vor als College Professor für Englisch und Arabisch, der sich auch um Geschichte bemüht habe und lebenslanges Mitglied der großen Moslem Liga Partei sei. Danach fuhr er schwungvoll fort "Punjaben und Bengalen", sagte er, "hatten sich vereinigt, Um ein gemeinsames Pakistan zu schaffen, und < wir hatten unsere eigenen Traditionen und unsere eigene Kultur. Aber wir wurden terrorisiert von den Hindus und den Leuten der AwamiLiga. Man führte uns in die Irre. Aber jetzt danken wir Gott, daß die punjabischen Soldaten uns errettet haben. Sie sind die besten Soldaten der Weit und Helden der Menschlichkeit. Wir lieben und respektieren sie mit der ganzen Kraft unseres Herzens Und so ylng es endlos weiter, im gleichen Stil.

Nach dem "Treffen" fragte ichi den Major, was er von der Rede hielt "Für den Zweck hat es gereicht", sagte er, "aber ich traue dem Bastard nicht. Ich werde ihn auf meine Liste setzen " Die Agonie Ostbengalens ist noch nicht vorüber. Vielleicht wird d s Schlimmste noch kommen. Die Armee ist entschlossen, die "Säuberung" zu vollenden. Bis jetzt hat sie das Ziel erst halb erreicht. Am 20. April war Oberstleutnant Baig, der blumenliebende G l der 9. Division, der Ansicht, daß die Säuberungsaktion zwei Monate dauern würde, also bis Mitte Juni. Aber diese Planung scheint falsch gewesen zu sein. Die Rebellenkräfte verlegten sich auf Guerilla Taktik. Sie konnten nicht so leicht unterworfen werden, wie die Armee erwartet hatte. Die Guerillas handeln isoliert und offensichtlich unkoprdiniert. Dennoch ist es ihnen gelungen, die pakistanische Armee vielerorts abzuschneiden und durch die systematische Zerstörung von Straßen und Eisenbahnlinien zum Stehen zu bringen, ohne die die Armee nicht weiter vorrücken kann. Jetzt droht der Monsun die militärische Operation weiter zu behindern.

Für die dreimonatige Regenzeit hat sich die pakistanische Regierung in der zweiten Maiwoche aus China neun Kanonenboote beschafft, die auf seichten Flüssen eingesetzt werden können- Diese 80 Tonnen KanonenbOQte, die massive Feuerkraft besitzen, werden zum Teil die Aufgaben übernehmen, die bisher Artillerie und Luftwaffe erledigt! hatten. Sie sollen von mehreren hundert - lpndeÜc]ie |ooi?gn; iitersüti wjgrden, dieJaesoilagnanmtuhd init Außenbordmotoren für militärische Zwecke umgerüstet worden sind. Die Armee geht aufs Wasser, um die Rebellen zu verfolgen.

Außerdem droht eine Hungersnot, da das Verteilersystem zusammengebrochen ist, Siebzehn der 23 Distrikte Ostpakistans leiden selbst in normalen Zeiten an Nahrungsmittelmangel und müssen mit Reis und Weizen versorgt werden. Das wird in diesem Jahr nicht möglich sein, denn im Bürgerkrieg sind sechs wichtige Brücken und Tausende von kleineren zerstört worden, so daß die Straßen vielerorts nicht passierbar sind. Das Eisenbahnnetz ist gleichfalls unterbrochen, obwohl die Regierung von einem "fast normalen" Zustand spricht. Nahrungsmittelvorräte können wegen der Zerstörungen nicht transportiert werden. Normalerweise werden nur 15 Prozent des Nahrungsmitteltransports vom Hafen Tschittagong aus auf Wasserwegen in den Norden mit Booten abgewickelt. Die restlichen 85 Prozent werden über die Straßen und mit der Eisenbahn transportiert.

Blutbad in Bengalen

Die Politik der Militärregierung von Ostbengalen ist so widersprüchlich, daß sie zu der An , nähme berechtigt, die Männer, die Pakistan regieren, können sich nicht klar entscheiden. Nachdem sie den anfänglichen Irrtum begangen haben, militärisch durchzugreifen, wursteln sie sich jetzt dickköpfig und kurzsichtig weiter durch.

Die Politik der Unterwerfung wird in Ostbengalen mit wütendem Eifer durchgeführt. Dies schafft aber der Regierung tagtäglich Tausende neuer Feinde und begünstigt die endgültige Iren- r nung beider Teile Pakistans.

Andererseits wiederum scheint es unmöglich, daß eine Regierung sich nicht bewußt ist, mit einer solchen Politik nur einen Fehlschlag erleiden zu können. Es gibt einfach nicht genug Westpakistani, um die soviel größere Zahl von Ostbengalen für alle Zeiten niederhalten zu können. Aus dringlichen administrativen und ökonomischen Gründen und wegen der überaus wichtigen ausländischen Entwicklungshilfe, besonders aus Amerikanist es notwendig, so schnell wie möglich eine politische Klärung herbeizuführen. Präsident Yahya Khans Pressekonferenz vom 25. Mai deutet darauf hin, daß er die Bedeutung dieser Faktoren anerkennt: Er sagte, er würde seinen Plan für eine parlamentarische Regierung Mitte Juni bekanntgeben.

Ich habe das zweifelhafte Privileg gehabt, an Ort und Stelle beobachten zu können, was die pakistanischen Führer im Westen sagen und was sie im Osten tun.

Meiner Meinung nach wird Ostbengalen unterworfen wie eine Kolonie. Die Tatsachen sprechen für sich selbst.

Keine sinnvolle oder gangbare politische Lösung ist in Ostbengalen möglich, solange der Pogrom andauert. Die entscheidende Frage lautet: Wird das Morden aufhören?

Die Antwort der Armee darauf gab Generalmajor Shaukat Raza, der kommandierende Offizier der 9. Division, während unseres ersten Treffens in Zhomilla am 16. April: "Sie können absolut darauf vertrauen", sagte er, "daß wir eine so drastische und teure Operation — teuer sowohl an Männern wie an Geld — nicht für nichts unternommen haben. Wir werden das Unternehmen zu Ende führen und es nicht halberledigt wieder den Politikern überlassen, damit sie von neuem Verwirrung stiften können. Die Armee kann nicht alle drei oder vier Jahre wieder hierher zurückkommen. Sie hat wichtigere Aufgaben. Ich versichere Ihnen, wenn das erledigt ist, was wir uns hier zum Ziel gesetzt haben, dann bedarf es nie wieder einer solchen Operation "

Blutbad in Bengalen

Die Armee mußte schon eine große Anzahl an Toten und Verwundeten in Kauf nehmen. Privat spricht man in Dakka davon, daß mehr Offiziere gefallen sind als Soldaten und daß die Verlustzahlen in Ostbengalen bereits jetzt höher liegen als während des indisch pakistanischen Krieges im September 1965. Die Armee wird diese "Opfer" nicht einfach abschreiben. Unerbittlicher Haß wächst auf beiden Seiten.

Es kann keinen Waffenstillstand geben oder eine Einigung auf Verhandlungsbasis — nur totalen Sieg oder totale Niederlage. Die Zeit ist auf Seiten der pakistanischen Armee, sie arbeitet nicht für die isolierten, unkoordinierten und schlecht ausgerüsteten Rebellengruppen. Andere Umstände, wie eine Erweiterung des Konflikts, wobei fremde Mächte eingreifen, könnten das Bild natürlich ändern. Aber wie es heute aussieht, hat die pakistanische Armee keinen Grund, daran zu zweifeln, daß sie am Ende ihr Ziel erreichen wird.

Die enorme finanzielle Belastung, die das Unternehmen in Ostbengalen mit sich bringt, bestätigt, wie entschlossen die Regierung ist. Nicht umsonst sind 25 000 Soldaten durch die Luft nach Ostbengalen befördert worden, ein gewagtes und ein teures Unternehmen. Die beiden Divisionen, die 9 und die 16, bildeten die miilitärische Reserve in Westpakistan. Sie sind dort jetzt durch kostspielige Neurekrutierungea ersetzt worden.

Die Chinesen haben mit Ausrüstung geholfen, die über die Karakorüm Straße nach Pakistan geliefert wird. Es gibt zwar auch Anzeichen dafür, daß die Zufuhr verebbt. Aber die pakistanische Regierung hat nicht gezögert, tief in den Devisenbeutel zu greifen, um für mehr als ine Million Dollar bei europäischen Waffenlieferanten Munition zu kaufen.

In einem Satz läßt sich sagen: Die Regierung ist militärisch viel zu sehr gebunden, als daß sie die Ostbengalen Operation aufgeben könnte. Genau dies jedoch müßte sie tun, wenn sie ernsthaft an einer politischen Lösung interessiert wäre. Präsident Yahya Khan reitet auf dem Rücken eines Tigers. Aber es war für ihn eine kalkulierte Entscheidung.

TTie Regierungspolitik wurde mir im Hiupt- quartier des östlichen Kommandos in Dakka dargelegt. Sie hat drei Elemente: , 1. Die Bengalen haben sich als "nicht verläßlich" erwiesen und müssen daher von den Westpakistani regiert werden; 2. Die Bengalen müssen "umerzogen" werden. Die "Islamisierung der Massen" — so der offizielle Jargon — soll Abspaltungstendenzen eliminieren und eine starke religiöse Bindung zu Westpakistan gewährleisten; 3. Wenn die Hindus durch Tod oder Flucht aus dem Wege geräumt sind, dann wird ihr Eigentum das Lockmittel sein, um die unterprivilegierte Moslem Mittelklasse zu gewinnen. Damit wird die Basis geschaffen für eine neue Herrschaft.

Dieser Politik wird mit äußerster Offenheit das Wort geredet. Wegen der Meuterei ist offiziell angeordnet worden, daß gegenwärtig keine Bengalen mehr für die Verteidigungskräfte rekrutiert werden dürfen. Hohe Luftwaffen- und Marineoffiziere, die nicht an der Verschwörung beteiligt waren, sind vorsichtshalber auf unwichtige Positionen abgeschoben wordenBengalische Kampfpiloten, unter ihnen einige Asse der Luftwaffe, sind zum Bodenpersonal versetzt worden. Sogar die Besatzungen der PIA Maschinen, die zwischen den beiden Landesteilen verkehren, sind von Bengalen gesäubert worden.

Blutbad in Bengalen

Die East Pakistan Rifles, einst eine fast ausschließlich bengalische Truppe, wurden aufgelöst, ein neuer Verband, die Civil Defence Force, wurde aufgestellt und rekrutiert sich aus Biharis und Freiwilligen aus Westpakistan. Biharis stellen jetzt auch statt der Bengalen die Rekruten für die Polizeikräfte. Sie werden befehligt von Offizieren aus Westpakistan und aus der Armee. Hunderte von westpakistanischen Regierungsbearnten, Ärzten, Radio, Fernseh, Telegraphenund Telephontechnikern sind bereits nach Ostpakistan geschickt worden. Mehr werden geködert mit dem Versprechen, daß sie eine oder zwei Stufen befördert werden. Yahya Khan gab kürzlich eine Anordnung heraus, die es ermöglicht, Zivilbeamte auch gegen ihren Willen in jeden Teil Pakistans zu versetzen.

Man erzählte mir ,daß alle Regierungsko mmissare ebenso wie die stellvertretenden Distriktkommissare in Zukunft entweder Biharis sein werden oder Zivilbeamte aus Westpakistan. Die Regierung hat außerdem an den Universitäten und Colleges von Ostbengalen mit harter Hand aufgeräumt. In ihnen wurden die Brutstätten der Verschwörung gesehen. Viele Professoren sind geflohen, manche sind erschossen worden. Sie werden ersetzt werden durch Kollegen aus Westpakistan. Dieser Kolonialisierungsprozeß verläuft nicht einmal halbwegs effektiv, wie die Administration es sich wünscht. Major Agha, der Vollstrecker des Kriegsrechts in Komilla, gab mir dafür ein anschauliches Beispiel. Er hatte seine Schwierigkeiten, um die einheimischen bengalischen Ingenieure dazu zu bekommen, die Brücken und Straßen zu reparieren, die von den Rebellen zerstört worden waren. Es war vergebens. Agha kannte natürlich den Grund: "Man kann von ihnen nicht erwarten, daß sie arbeiten, wo wir doch viele von ihnen getötet und ihr Land zerstört haben. Wir müssen nun dafür bezahlen "

Die Folgen der Kolonisationspolitik versucht man zu verbergen. Wochenlang bemühten sich Präsident Yahja Khan und Generalleutnant Tikka Khan, in Ostpakistan Unterstützung zu erhalten. Der Erfolg war gleich minus. Die einzige prominente Persönlichkeit, die man bisher für diesen Zweck gewinnen konnte, ist Mr. Nurul Amin, ein altes Mitglied der Moslem Liga und ehemaliger Provinzchef; er ist über siebzig Jahre alt.

Abdul Bari, der Schneider, der das Glück hatte, mit dem Leben davonzukommen, ist vierundzwanzig Jahre alt. Er ist genauso alt wie Pakistan.

Die Armee kann natürlich das Land mit Gewalt zusammenhalten. Aber sie hat dafür gesorgt, daß der Traum jener, die 1947 hofften, einen Moslemstaat mit zwei gleichberechtigten Teilen zu gründen, zerstoben ist. Für lange Zeit werden sich die Punjabi im Westen und die Bengalen im Osten sich nicht mehr als gleichberechtigte Bürger einer Nation fühlen können. Bengalens Zukunft liegt im Dunkel einer Todesnacht. Copyright: Times Newspapers Ltd. 1971 Für die ZEIT übersetzt von Häns Teja Schwaner