Die Prominenz eines Peter Huchel, eines Wolf Biermann, eines Robert Havemann besitzt der siebenunddreißigjährige, im sächsischen Greiz lebende Lyriker und Essayist Reiner Kunze nicht. Die Schwierigkeiten, die ein DDR-Schriftsteller mit seinen Behörden haben kann, fallen für ihn aber leicht um so unangenehmer aus, je unprominenter er ist. Kunze veröffentlicht seit über fünfzehn Jahren; in der Bundesrepublik erschienen von ihm Übertragungen tschechischer Lyrik, ein Gedichtband („Sensible Wege“, Rowohlt 1969) und ein Buch mit Kindergeschichten („Der Löwe Leopold“, S. Fischer 1970). Vor einiger Zeit bat ihn Dieter Hülsmanns von der Eremiten-Presse um einen Beitrag zu einer für 1972 geplanten Anthologie mit dem Titel „Schaden spenden“, an der etwa hundert deutschsprachige Autoren teilnehmen sollen; Kunze sagte ab, nicht freiwillig, und der Brief, in dem er seine Absage erläutert, scheint uns völlig klar zu machen, in welcher Situation er heute lebt und schreibt. Darum drucken wir ihn hier ab.

Greiz, den 27. April 1971

Lieber Herr Hülsmanns,

gern hätte ich etwas für Ihre Anthologie geschrieben, aber der Staat hat Mittel, einem Autor die Beteiligung an Anthologien abzugewöhnen.

Zuerst erläßt der Staat ein Gesetz, in dem verfügt wird, daß jede Vergabe von urheberrechtlichen Nutzungsbefugnissen nach jenseits seiner Grenzen genehmigungspflichtig ist, und er gründet eine Institution, durch die er die Genehmigung erteilen oder verweigern lassen kann. Wendet sich dann ein Autor an diese Institution und bittet um Genehmigung, sich an einer Anthologie beteiligen zu dürfen, erhält er beispielsweise vier Wochen lang keine Antwort. Dann wird ihm mitgeteilt, daß man, bevor man überhaupt zur Bearbeitung des betreffenden Vertragsentwurfs kommen könne, das Verzeichnis aller an der Anthologie beteiligten Autoren benötige. Der Autor schreibt dem Verlag, der Verlag schickt dem Autor das Verzeichnis (Laufzeit eines Eileinschreibens von Frankfurt am Main nach Thüringen bis zu drei Wochen, vorausgesetzt, daß es nicht verlorengeht), und der Autor sendet das Verzeichnis an die Institution. Daraufhin fordert die Institution das Manuskript des Beitrags an, den der Autor für die Anthologie geschrieben hat. Der Autor reicht es ein, worauf ihm mitgeteilt wird, die Überprüfung des Vertragsentwurfs habe ergeben, daß eine Genehmigung nicht erteilt werden kann. Inzwischen sind vier Monate vergangen, die Anthologie mit dem Beitrag ist im Druck, und der Autor steht vor der Entscheidung, den Vertrag ohne Genehmigung zu unterschreiben oder die Maschinen anhalten zu lassen. Er unterschreibt, vertrauend auf die Verfassung seines Staates, die keine Zensur vorsieht und das Recht auf freie und öffentliche Meinungsäußerung garantiert. Der Staat aber, den der Autor sofort unterrichtet und bei dem er, alle Vorschriften beachtend, seinen Devisenanspruch gegenüber dem Verlag anmeldet, eröffnet gegen den Autor ein Verfahren und verurteilt ihn zur höchstmöglichen Geldstrafe, die unter Umständen das Dreißigfache des Honorars betragen kann, das der Autor für seinen Beitrag erhält.

Beteiligt sich der Gemaßregelte weiterhin an Anthologien usw., obwohl ihm die Genehmigung verweigert wird und er Strafe zahlen muß, läßt man ihn eines Tages wissen, daß er ab sofort auch nicht mehr als Übersetzer publizieren darf, und man kündigt ihm die bereits abgeschlossenen Verträge. Die betreffenden Verlage schreiben ihm fast gleichzeitig Briefe, in denen es heißt: „Wir bedauern, Ihnen heute mitteilen zu müssen, daß unser ... ohne Ihre Nachdichtungen erscheinen wird. Zu dieser Entscheidung haben uns die von Ihnen ... veröffentlichten Gedichte veranlaßt, die uns zeigen, daß Sie mit den von unserem Verlag verfolgten kulturpolitischen Zielen nicht mehr übereinstimmen.“ Oder es heißt: „Gedichte von Ihnen, veröffentlicht in..., belehren mich, ... daß Ihnen an einer weiterer. Zusammenarbeit mit uns unter bedingten Voraussetzungen nichts mehr liegt... Wir teilen Ihnen hierdurch mit, daß wir Ihre Nachdichtungen der Werke von – nicht publizieren werden.“

Ich bitte Sie also um Verständnis, wenn ich für Ihre Anthologie keinen Beitrag schreiben kann, und ich danke Ihnen für ihre freundliche Einladung.